The New Basement Tapes – Lost On The River

Rezensiert von Sophia Kisfeld

Es gehört viel Vertrauen dazu, wenn ein Künstler seine Liedtexte oder auch nur Fragmente an eine Gruppe anderer Musiker weitergibt und diese machen lässt. Vor allem, wenn dieser Künstler den Namen Bob Dylan trägt. Doch diese Gruppe Musiker ist nicht weniger wertvoll für die vergangene, wie auch gegenwärtige Kunst. “Lost On The River” ist ein Album voller Inspiration, die durch Dylan ausgelöst wurde – dennoch ist es das musikalische Werk von The New Basement Tapes. Darunter versammeln sich Elvis Costello, Rhiannon Giddens (Carolina Chocolate Drops), Taylor Goldsmith (Dawes), Jim James (My Morning Jacket), Marcus Mumford (Mumford and Sons) und der Produzent T-Bone Burnett.

Is it a mystery to live or a mystery to die… eine Frage, die sich Bob Dylan vielleicht damals selbst gestellt hat, kurz nach einem Motorradunfall 1966. Dieser Unfall gab ihm gezwungener Maßen die Unsichtbarkeit vor der Presse und gleichzeitig den Raum, um “The Basement Tapes” zu schreiben. Aus diesen Texten sind dutzende von Liedern entstanden und veröffentlicht worden. Ein Teil dessen schien verschollen und blieb dementsprechend jahrzehntelang unvertont – doch nun wurden sie umgesetzt auf “Lost On The River,” um sie der Öffentlichkeit preis zu geben.

Der Drahtzieher hinter der Bandkonstellation von The New Basement Tapes war T-Bone Burnett. Er erhielt von Dylan und dessen Verleger vollständige und fragmentarische Texte. Er rief ein paar Musiker an, denen er vollends vertraute, was die Liebe zu Dylan und dessen Musik anbelangt und setzte sie ohne Anweisungen, nur mit Textmaterial in einen Raum und ließ ihnen alle Freiheit, die sie brauchten, um kreativ zu werden.

Und genau diese Freiheit ist spürbar. Denn was auf diesem Album zu hören ist, ist ein künstlerischer Prozess, getrieben von verschiedenen Künstlern, unterschiedlichen musikalischen Gefühlen und unter dem Motto, eine Verbindung zu Dylans Material zu finden. Innerhalb von zwei Wochen, haben diese verschiedenen Musiker sich in der Konstellation von The New Basement Tapes ausprobieren und gegeneinander beweisen können. Sie haben Lieder geschaffen, die den mystisch-folklorischen Geist in “Spanish Mary” unterbringen, die Leichtigkeit der Liebe in “Kansas City” versprühen, “Nothing To It” in Funk und Soul verwandeln und den altbekannten Folk Dylans in “Duncan And Jimmy” kombinieren mit einem Gefühl an Vergangenes. Das Album ist repräsentativ für ein musikalisch-verbindendes Werk. Einer Verbindung von Menschen, die vielleicht sonst keine Platte und auch keine Band aus eigenem Antrieb aufberufen hätten und die Verbindung der Musik von damals, die mit dem eigenen Charme der Künstler gestaltet werden.

Der Opener “Down On The Bottom” lebt von tragenden Gitarrenklängen, schleppendem Schlagzeug und der weichen Stimme von Jim James, die in Bezug auf den Gesangsstil von Dylan inspiriert zu sein scheint. “Kansas City” sticht durch die unverkennbare Stimme Marcus Mumfords heraus – doch nicht nur die Stimme, auch die Verarbeitung des Liedes scheint unter großem Einfluss von Mumfords eigener Musik zu stehen. Diese Tatsache tut dem Album jedoch keinen Abbruch, es bringt Varianz in das Album. Was auch die Aufnahme des Titels “Six Months in Kansas City (Liberty Street)” auf dem Album andeutet. Es bindet die Interpretation Elvis Costellos der Textfragmente “Kansas City” und “Liberty Street” auf der Platte mit ein. Eine bodenständig-rockigere Variante, die vielleicht mehr an Dylans Werk anlehnt. Sie wird begleitet von Backroundchorals, die der Gesangsperformance eine Fülle geben, die mit der Reduktion des Instrumentenklangs spielt. Der folklorisch treibende Rhythmus des Banjos in “Duncan And Jimmy” wird durch Rhiannon Giddens besungen, deren Gesang zu vergleichen ist mit vergangenen Gesangspartnern Dylans.

Die Vergangenheit ist ein Teil des Albums, die Texte wurden in Intimität geschrieben und zurückgehalten. Genau so ist die Gegenwart ein Teil des Albums, da die Musik zu den Textfragmenten aus aktueller Musikperspektive geschaffen wurden. Der Weiterentwicklung von Dylans Stil, des Folklore, des Rocks und diese kombiniert mit Stimmen von damals und heute, vom Musikzeitgeist von damals und heute. Und diese Verbindungen lassen das Album auch nicht auseinanderfallen.


Label: 
Universal
VÖ: 
21.11.2014
Herkunft: 
Los Angeles, Kalifornien (USA)