of Montreal - Innocence Reaches

Rezensiert von Manon Hütter

"How do you identify? How do you I.D.?" Kevin Barnes jedenfalls kann und will sich da nicht so genau festlegen. Auch auf der of Montreal-Platte Nummer 14 gibt er weiterhin das wild glitzernde und in Signalfarbe leuchtende Genre-Chamäleon und steht Paradebeispiel für das, was Anhänger sinniger Lyrics als Antichrist betiteln würden.

Nachdem der Alleinherrscher des selbstbetitelten vermeintlichen Psych-Pop-Kollektivs, seines Erachtens nach gerade Classic und Klassik auseinanderklamüsert hat, nutze er nun das letzte Jahr dazu, sich zum ersten Mal näher mit aktuellen Musiktrends zu befassen. Die konnten anscheinend zumindest im Elektrobereich überzeugen, so dass das Ganze im fast schon jährlichen Tribut an das Regime, direkt zum gefühlt tausendsten Album verarbeitet wurde. "Innocence Reaches" stellt dabei für Althippie Barnes wahrscheinlich die oberste Stufe des Pop-Olypms dar, für den Rest der schnöden Menschheit, die die Welt nicht ganz so schillernd und facettenreich wahrnimmt (oder aber schlichtweg noch nicht auf den Geschmack der richtigen Drogen gekommen ist), ist es aber tatsächlich noch eine mehrjährige Odyssee, bis der Gipfel ebenjenes Olymps auch nur am Horizont zu erspähen ist. Und das ist gut so!

Und auch wenn man jetzt irgendwie mit EDM und funky Elektro-Pop liebäugelt, ist das Ganze eine recht ausgewogene Beziehung aus Altbekanntem und neuer frickeliger Elektro-Tüftlerei - zumindest auf Albumlänge betrachtet.
Während der Opener mit ratternder Drum-Machine, einem irren Synthie-Aufgebot und dekorativen Tune-Filter auf den Vocals im saloppen Elektro-Pop-Kostüm angallopiert kommt und keck Gendernormen in Frage stellt (wenn auch recht kryptisch), ist "Les Chants de Maldoro" funklastiger Garagerock. Die Single "It's different for Girls" bleibt dann aber nach wie vor in der EDM Abteilung des verwinkelten ofMontreal-Supermarks, allerdings im Grenzbereich zum leicht glamouröseren und mit ordentlich Lo-Fi-Synths ausgestatteten Discofunk-Sortiments. Der Backgroundchor erinnert dabei dezent an Metronomys "Aquarius" und trotz des offensichtlichen Wahns kommt man nicht drum herum, das Ganze als putzig bezeichnen zu wollen. Verstörend, aber putzig.

Der Fuzzrock- Hit "Gratuitous Abysses" belegt schon im Titel Barnes' Faible für ausgefallene Adjektive und erinnert durch den zart anklingenden Ziggy Stardust-Vibe einmal mehr an seine beiden Musen Bowie und Prince - womit auch schon wieder das Thema der Kritik an Heteronormativität präsent ist. Aber in Sachen crossdressing und Androgynität steht Barnes seinen Glamrock-Helden ja sowieso in nichts nach.
Fast will man schon durchaus strukturiertes Songwriting attestieren, welches dann aber in einem wild wogenden Meer aus Filtern, Instrumentierungsspuren und Synth-Elementen versinkt. Allerdings so anmutig, dass man sich direkt hinterherstürzen will, obwohl man ehrlich sagen muss, dass die erste Hälfte der Platte wesentlich mitreißender ist. Denn dafür ist beispielsweise "Trashed Exes" einfach zu zerstückelt.

Der Gedanke der Demokratie lebt zumindest in den Bandcredits weiter, wobei "Band" aber nach wie vor eher ein Propagandabegriff in Barnes Diktatur ist. Die meisten Elemente sind programmiert - er ist halt selbst in all dem glanzvollen Chaos Perfektionist. Und als solcher fusioniert er alles und nichts, gibt den wahnsinnigen Genrebender und ist schlichtweg das Kind im Tante Emma Laden, das zusätzlich zur Süßigkeitentüte auch noch Einlegegurken und ein fettes Stück Käse haben will.

Auch wenn sich "Innocence Reaches" der Popkultur annähert und etwas am psychedelischen Charme der frühen Alben einbüßt, ist das neue Werk des Herrschers eines wirren Weirdo-Imperiums zugegebenermaßen nichts für jeden Gaumen. Aber Sushi entfaltet sein Suchtpotential ja bekanntlich auch nicht beim ersten Mal. Und wer of Montreal kennt, weiß, dass Kevin Barnes dieses Mal schon weniger scharfe Sojasoße genommen hat als sonst.


Label: 
Polyvinyl Records
VÖ: 
12.08.2016
Herkunft: 
Georgia, USA