Locas In Love – Kalender

Rezensiert von Lukas Wortmann

Nur ein dreiviertel Jahr hat es gedauert bis die “neuen Sachen” abgelöst werden von “noch neueren Sachen”. Während das gefühlt drölfte Studioalbum Use Your Illusion 3 & 4 der Kölner Indie-Pop-Band Locas in Love noch gar nicht fertig verdaut sein kann, gibt es schon neuen Stoff. Überraschend ist das vor allem nach den Strapazen die das Vorgängeralbum in zeitlicher und finanzieller Form mit sich gebracht hatte. Durch den Verkauf von Privatgegenständen und ausrangiertem Musikerbedarf hat die Band rund um die Gründungsmitglieder Björn Sonnenberg und Stefanie Schrank jeden Cent zusammen kratzen müssen, um die Fertigstellung des Albums zu garantieren. Und dabei scheinbar so viel Raum und Kreativität übrig gehabt, um anschließend direkt noch einen Longplayer namens “Kalender” aufzunehmen. Nach dem grandiosen Vorgängeralbum also eine Freudenbotschaft für alle Fans und vor allem eine große Aufgabe für die Kölner mit gleicher Qualität anzuknüpfen.

Bei einer Gruppe wie Locas in Love muss über den musikalischen Tellerrand hinaus geblickt werden, um alles zu entdecken. Nebst den zwölf neuen Songs, einer für jeden Monat des Jahres, darf sich der Käufer der physischen Version über einen jahresunabhängigen Kalender mit Illustration von Sängerin Stefanie freuen. Auch die passenden Live-Autritte für die mittlerweile obligatorischen Winterkonzerte Anfang Dezember wurden direkt mit angekündigt. Aber auch textlich punkten Locas in Love wie gewohnt durch Ehrlichkeit, Witz und Gesellschaftskritik. Diesmal aber nicht wie beim Vorgängeralbum verpackt in dutzende Anspielungen und Wortspiele, sondern direkter und offener. Eben in neuem “Alphabet” wie schon im zweiten Track festgestellt wird. Besonders nennenswert: Mit “Abstract Machine” und “We Are Cyborg!” haben es wieder zwei knackige Instrumentalstücke auf das Album geschafft von denen vor allem ersterer an die zweite (Instrumental-)Hälfte von “Use Your Illusion 3 & 4″ erinnert.

Gerade solche Songs dienen als Anzeichen für die Vielfältigkeit der Band und stehen in Kontrast zu den ansonsten eher simpel arrangierten und nicht unbedingt von Variation getragenen Liedern. Stattdessen pflanzen sich Melodien und vor allem Textpassagen ganz unbewusst in den Kopf ein und klingen lange nach. “Oh!” wirkt beispielsweise so simpel und banal, doch am Ende scheint “Oh!” der einzig nachvollziehbare Ausruf zur Stimmungslage des lyrischen Ichs. Traurig aber ehrlich. Das ist dann weit entfernt vom Tanz- und Schunkel-Pop von “Lemming” oder vielen Songs der letzten Platte und kommt über seine Stimmung und Lyrics. Ähnlich bei “35 Tausend Millionen” und “Ich Bin Eine Insel”. Dass dieser Spagat beim Texten auch mal schief gehen kann, hört man in “Gebet”, das sich im fulminanten Endspurt dann aber doch noch musikalisch zu retten weiß.

In gewohnter Locas in Love Manier bricht Björn Reimschemata und Metrik. Das wirkt dann nicht nur authentisch, sondern bringt auch Überraschungsmomente in die Songs, die Stefanie, wenn sie nicht selbst die Leitrolle übernimmt, gezielt mit ihrer unverwechselbaren Stimme unterstützt. Noch besser klappte das allerdings in “Use Your Illusion 3 & 4″, das auch als Gesamtkonzept stimmiger, voller und ein wenig besser arrangiert war. “Kalender” klingt da roher und einfacher, ist insgesamt aber ein klasse Album, das sich in der Diskographie der Band gut macht und auch neue Ansätze mitbringt. Vor allem in Anbetracht der Umstände der schnellen Veröffentlichung nach dem Vorgänger ist das bemerkenswert. Befürchtungen einer B-Seiten Kompilationen waren naheliegend, aber Locas in Love haben uns eines Besseren belehrt.


Label: 
Staatsakt
VÖ: 
20.11.2015
Herkunft: 
Köln