The Lemon Twigs - Do Hollywood

Rezensiert von Manon Hütter

Willkommen in der fabelhaften Welt der Lemon Twigs. Das Märchen in der Kurzfassung: Es waren einmal zwei Brüder namens Brian und Michael D'Addario (von gerade mal 19 und 17 Jahren), die in einer eintönigen Kleinstadt in Long Island schon früh mit der Lethargie der amerikanischen Pampa in Berührung kamen. Ihre garstige Stiefmutter (Hinweis: Person fiktiven Ursprungs) sperrte sie in eine kleine Kammer, in welcher es außer einem ganzen Orchestersortiment an Instrumenten, sämtlichen Solo-Alben von Paul McCartney sowie den Beach Boys nichts gab, womit sie sich hätten beschäftigen können. Als Klamotten bekamen sie den alten Kostümfundus diverser Glamrock-Veteranen, wobei sie in einer der Hosentaschen eine Frisuranleitung von Bowie fanden und flux nachschnitten. Im Jahr 2015 gelang ihnen dann die Flucht und sie fanden ein neues Zuhause beim Label 4AD, welches fand, die Gesellschaft sei für zwei wahnsinnige Tüfftler, die "zu viele Soundspuren" für eine propagandistische Farce halten, bereit.

Denn von den obligatorischen Songwriting-Konventionen sind die Lemon Twigs genauso weit entfernt wie von Genrefestlegung und Jahrzehnt-Zugehörigkeit. Als würde man sich bei der eigenen Plattensammlung nicht so recht entscheiden können, mit dem Ergebnis, dass man sich eine zweiten Spieler anschafft, um die Sparks und die Randy Newman Platte einfach zeitgleich zu spielen. Und dann einen dritten und einen vierten Spieler. Und obwohl "zeitlos" häufig negativ konnotiert ist, so sind The Lemon Twigs genau das, weil sie diverse Äras in einem fusionieren. Sei das nun der leichte 50s Vibe des Openers "I Wanna Prove To You", mit den "doo-wop"-Background-Chants und den Surf-Pop-Ansätzen oder der britisch anmutende Psych-Rock-Hit "Hi+Lo" inklusive 80er Punk-Drum-Refrain.

Hauptsächlich hält sich die kleine Zeitreise aber im 70er Soulfunk auf und schnupft ordentlich psychedelische Substanzen, um dann synthie- und gitarrenlastige Siebenminüter wie " A Great Snake" aus dem Ärmel zu schütteln und mit Hotellobby-Coda zu beenden. Da wundert es kaum noch, dass "Do Hollywood" im Endeffekt nach wie vor im Demo-Stadium ist. Produziert wurde das Ganze vom Labelmate von Foxygen, Jonathan Rado, in seinem Studio. Der hat hier und da selbst zur Gitarre gegriffen oder mit Bandkollege Sam France die Background-Vocals gegeben. Sowieso geht die Jam-Session-Ästhetik auf keinen Fall verloren. Dabei wird alles bedient, was gerade greifbar ist, denn wie sonst lässt sich das grandiose Xylophon (!)-Solo auf "These Words" erklären? Oder "Haroomata"'s Cembalo, welches sich dann in eine Polka wandelt?

Die überladene Instrumentierung erlaubt es den D'Addarios auch, teilweise absolut simple Lyrics zu benutzen, die in jedem anderen Kontext an Cheesiness grenzen würden ("Baby Baby"). Dadurch aber, dass die Vocals auch nur eine weitere Soundwelle im weiten Spurenmeer sind, und nicht wie so häufig als Hauptakteur fungieren, funktioniert das Ganze fast schon zu gut und lässt MGMT und die Flaming Lips stolz lächeln.

"Alles kann, alles muss", so die Devise. Und ja - das verwirrt vielleicht zu Anfang. Und doch ist man gefangen im halluzinogenen Fiebertraum, den The Lemon Twigs hollywoodmäßig als künstliche Realität erschaffen. Manch einer möchte sich nach "Do Hollywood" sicher wegen Überforderung freiwillig in Therapie begeben, aber um Jack Kerouac zu zitieren: "The only people for me are the mad ones".


Label: 
4AD
VÖ: 
14.10.2016
Herkunft: 
Long Island, USA