Lea Porcelain - Hymns To The Night

Rezensiert von Sophia Kisfeld

"Hymns To The Night" ist dramatisch, energetisch und lässt das Leben um einen herum in Zeitlupe verlaufen. Es ist eines dieser Alben, das einen nicht in ein anderes Universum reißt, sondern dazu führt, dass man die Welt um sich herum viel genauer beobachtet. Es bietet den Soundtrack zur Wahrnehmung und wabert durch die Adern.

Lea Porcelain ist ein Duo aus Frankfurt am Main und besteht aus Julien Bracht (Elektro) und Markus Nikolaus (Gesang, Gitarre). Sie haben ca. zwei Jahre gebraucht, um aus vorherigen Projekten zu Lea Porcelain zu gelangen. Jetzt bewegen sie sich in Post-Punk, New-Wave, Krautrock-Sphären. Bereits im Frühjahr letzten Jahres veröffentlichten sie die EP "Out Is In" und nun folgt ihr Debutalbum "Hymns To The Night".

"Hymns To The Night" ist ein kraftvolles, stabiles und düsteres Album - der Nacht entsprechend. Es reißt den Hörer nicht durch viele Gefühlsebenen, sondern setzt an einer Grundstimmung und Wahrnehmung des Ichs an, die es durchgängig trägt und durch verschiedene Tempi in verschiedene Richtungen reizt. Das gelingt Lea Porcelain nicht durch extrem komplexe wechselhafte Strukturen, sondern durch bestimmte Ideen innerhalb eines Songs, die in ihrer Struktur ein facettenreiches Klangbild abgeben.
Der Song "A Year from Here" wird getragen von einer ruhigen Dramatik, die allein durch den schlichten Rhythmus des Gitarrenlaufs im Kopf bleibt. Die einzelnen Klangelemente, Gitarre, Stimme, Bassläufe sind dabei elektronisch bearbeitet und erhalten mehr Hall und damit mehr Raum. Der Klang drängt sich nicht auf, was auch an der tragenden Gesangsart von Markus Nikolaus liegt; im Gegenteil gibt er dem Hörer die Möglichkeit, sich in dem Raum selber einzufinden.

"Similar Familiar" treibt weit nach vorne und spielt den elektronisch verzerrten Sound eher in die Richtung des Hörers. Der Song bewegt durch den schnellen schlagenden Rhythmus und das schnellere Tempo des Gesangs. Der Klang hat etwas Starkes, Energisches, er ist voll und satt in seiner Gesamtheit, durch die Teilaspekte und die Räumlichkeit, die auch hier wieder präsent ist. Markus Nikolas singt manchmal in höheren Lagen, gefühlt für alle die, die ihm zuhören und bewegt seine Stimme dann in die tieferen Lagen, um den Hörer herauszufordern - ob er noch lauscht, wenn es wichtig wird. Beinahe panisch wiederholt er die Zeile "I don't want to be part of this". Es ist nicht immer leicht, seinem Text dabei zu folgen, durch die Verzerrung und die Art und Weise, wie versteckt er singt. Nachfolger "White Noise" ist dagegen das genaue Gegenteil: Er ist reduziert auf Piano und Stimme. Auch hier klingt das Klavier weit weg, wir befinden uns in einem großen Raum, der einsame Spieler sitzt dort und beweint in einem knapp zweiminütigen Stück eine Art von Einsamkeit. Es ist diese stille Stunde in der Nacht, in der man sich einsam fühlt. Durch die Reduktion und trotz der Räumlichkeit wirkt es nahe, zerbrechlich.

Die Nacht hat etwas Getragenes, Dramatisches, gibt dem Ich viel eher die Möglichkeit zu sich zu kommen und vielleicht zur tieferen Seite des Ichs. Die Nacht verläuft manchmal in Zeitlupe, sobald die Dunkelheit da ist. Die Nacht bewegt die Gefühle zwischen Wahrnehmung des Äußeren in Zeitlupe, Wahrnehmung des Ichs im Umfeld, die Wahrnehmung des Ichs an sich. Sie ist sowohl zerbrechlich, getrieben, als auch getragen in der Gefühlswelt und das sind Facetten, die Lea Porcelain über die Länge ihres Albums musikalisch hervorragend nach vorne bringen. Wie es die Hymne tut, so ehren Lea Porcelain die Nacht und was sie hervorbringt.


Label: 
Lea Porcelain Recordings
VÖ: 
16.06.17
Herkunft: 
Frankfurt am Main, Deutschland