Kevin Morby - Singing Saw

Rezensiert von Sophia Kisfeld

Treiben in melancholischen Sphären ohne niedergeschlagen zu sein - so funktioniert "Singing Saw" von Kevin Morby. Sein drittes Studioalbum ist so etwas wie ein orchestrales Indie-Folk-Rock-Album, das sich inhaltlich dem Ernst des Lebens stellt. Eine psychedelische Reise zwischendurch und durchweg eine Zeitreise in die Vergangenheit der frühen Folk-Sänger.

Kevin Morby, 28, aus Texas hat 2013 sein erstes Soloalbum "Harlem River" veröffentlicht, war bis vor kurzem jedoch auch aktiv in Bands wie Woods oder The Babies. "Singing Saw" besteht aus nur neun Liedern, die sowohl folkartig oder orchestral untermalt werden, als auch country-artige Elemente vorweisen. Unabhängig voneinander, aber stimmig in der Gesamtheit des Albums.

Eine "Singing Saw" ist eine Säge, die als Instrument verwendet wird. Der Opener "Cut Me Down" lässt erahnen, wie man sich eine singende Säge vorstellen könnte: ein schleifender, vibrierender Klang. Irgendwie erahnt man durch diesen Einstiegseffekt, wie zermalmt und unruhig die Figur hinter dem Text ist: der Ich-Erzähler wird reduziert auf nichts, er wird sozusagen zermalmt von seiner Umgebung und ist sich dessen bewusst. Und so unruhig dabei dieser vibrierende Klang des Einstiegs ist, so harmonisch verläuft das Lied jedoch weiter. Klanglich ergibt es so vielleicht eine Art von innerer Unruhe, die lethargisch macht. Auch Lieder wie "Singing Saw" oder "Drunk And On A Star" bewegen sich eher auf psychedelischen Ebenen. Die innere Unruhe wird hier abgelegt, der Ernst den Kevin Morby  nimmt nicht ab und das liegt wohl an seinem Gesangsstil, der an frühere Folk-Sänger erinnert. Er wird nicht besonders laut, seine Stimme hat weiche Züge, bleibt jedoch düster. Bei "Drunk And On A Star" wird eine leichte Verwirrung des Ich-Erzählers deutlich. Er fühlt sich leer: "And I'm pale like a moon / Oh I'm empty like a room". Doch die Musik erfüllt ihn und macht ihn auf eine Art glücklich: "And beauty is something that's fleeting / It comes to touch, never to claim".

Die Single-Auskopplung "I Have Been To The Mountain" ist im Gegensatz dazu energischer, aufweckend, treibend. Inhaltlich erhebt er die Stimme für die Menschen die unnötige Tode sterben mussten, im Speziellen geht es auch um den Fall von Eric Garner aus 2014. Er wurde in den USA getötet, als mehrere Polizisten ihm gewaltsam Handschellen anlegen wollten. Der Song ist dynamisch und gewinnt an Fülle auch durch den Chor, der ihn begleitet.

Weniger treibend, aber heller klingt "Destroyer". Simple, repetitive Klavier-Akkorde untermalen seinen nasalen Gesang. Der Song wirkt entschleunigt. Er ist mehr als vier Minuten lang, wirkt jedoch viel kürzer. Er dreht sich um die Entwicklung der Person selbst und dessen Familie, darum sich anders zu entwickeln, als man es sich vielleicht vorgestellt hat, und sich vor allem in den eigenen Augen auch nicht so positiv entwickelt zu haben, wie man es gern gewollt hätte. Es ist paradox, das Gewicht der Zeilen in Kombination mit der Leichtigkeit der musikalischen Strukturen zu hören, auch wenn diese noch stets einen Schleier tragen.

"Singing Saw" baut sich grundsätzlich aus musikalisch simplen Strukturen auf, es ist nicht überproduziert sondern glänzt in seiner Schlichtheit. Der Schwerpunkt liegt auf der lyrischen Hand Morbys. Nicht beim ersten Hören oder Lesen wird deutlich, welche Geschichten er hier erzählt, welche Probleme ihn beschäftigen. Es braucht Zeit, ihm zu folgen. Durch die Einfachheit der Musik, die in keinem Falle negativ zu werten ist, gibt er dem Hörer jedoch eine leichte Leitung, sich darauf einzulassen. "Singing Saw" funktioniert als einzelne Songs, jedoch auch als Longplayer. Es funktioniert, wenn man trübsinnig oder träge ist, wenn man ausgeglichen ist und sich treiben lassen will.


Label: 
Dead Oceans
VÖ: 
15.04.2016
Herkunft: 
Lubbock, Texas (USA)