Kettcar - Ich vs. Wir

Rezensiert von Janet Rogalla

"Aber zwischen Ironieidioten, zynischen Wracks. Zwischen Politikclowns und dem dümmsten Hass. Zwischen einfach nichts tun und dem ganzen Geschrei. Sind diese Zeiten ein für allemal vorbei."

Kettcar haben sich entschieden, "Den Revolver [zu] entsichern" und veröffentlichen mit "Ich vs. Wir" ein Album, das sich den unbequemen Themen der Gegenwart stellt: Rechtsruck, Pegida, Flüchtlingskrise. Nicht polemisch, nicht plakativ, noch nicht einmal explizit wertend, aber doch unverhandelbar und mit einem ungeschönten Blick auf ungemütliche Wahrheiten. Dabei haben Kettcar nicht einfach nur etwas zu sagen, sie bitten direkt zum Gespräch – mit aller Ausdrücklichkeit und der notwendigen Dringlichkeit, die zur Zeit geboten ist.

Kettcar war nie eine Band, die mit gemütlichen deutschen Popliedern die Massen anzog. Man muss sich reinhören in den eigenen, robusten Indie-Pop-Rock der fünf Hamburger und die sehr markante Stimme eines extrem eloquenten Marcus Wiebusch, der in seinen Texten die Punk-Attitüde seiner Vergangenheit aufleben lässt. Wer aber diese Mühe auf sich nimmt, wird tausendfach belohnt: Wiebusch erzählt in nicht vergleichbarer Weise die kleinen Geschichten des Alltags: Scharf beobachtet, leidenschaftlich reflektiert und in jeder Zeile klug artikuliert. Das funktionierte bisher für die individuellen Befindlichkeiten des Lebens, erregte aber gerade auf dem letzten und musikalisch etwas schwächeren Album "Zwischen den Runden" kein besonderes Aufsehen.

Dann nach einer beunruhigend langen Funkstille von fünf Jahren kam "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" mit einem sogar für Kettcar-Verhältnisse ungewöhnlich sprechbetonten Kommentar zur Flüchtlingskrise. Ein durchgreifender Vorbote für ein Album mit erhöhtem politischen Gesprächsbedarf. In eindringlicher Erzählprosa wird die Geschichte eines Fluchthelfers gegen Ende der DDR-Zeit thematisiert, ohne ein einziges Mal explizit auf die vielfältigen Parallelen zur aktuellen Grenzdiskussion einzugehen. Ein kraftvoller Wink mit dem (Grenz-)Zaunpfahl. Gewohnt uneindeutig wird die latent instabile Dynamik zwischen "Ich" und "Wir" dargestellt und der Ego-Zynismus dieser Zeit aufgedeckt: "Ein Wir kennt Solidarität, ein Ich ist immer Einzelkrieger, ein Wir schreit laut 'Ich bin das Volk!' Montagsmarsch, Pegida!" ("Wagenburg"). Wenn die Parallele zwischen dem deutschen Lieblingssport und der "Mannschaftsaufstellung" einer rechtsorientierten Bewegung gezogen wird ("Wir werden Druck mit aller Macht ausüben, aus der Deckung schießen, Hass und Lügen, Weltverschwörer auf der Sieben, und zentral: Radikal, aggressiv, stolz und national"), markiert "Liebling, ich bin gegen Deutschland" die folgerichtige und gleichzeitig diskussionswürdige Konsequenz: Reibend, pointiert und schonungslos.

Wiebusch schafft es, durch die unparteiliche Betrachtung kleinster Momentaufnahmen ganze Themenfelder aufzureißen und implizit eindeutig Stellung zu beziehen. Das betrifft in großem Maße großpolitische Themen, aber auch die Befindlichkeiten im eigenen Mikrokosmos: "Zurück in die Altbauwohnung und der ewige Anspruch und sich ständig vergleichen. Wir haben ein Leben Zeit. Ein Leben, und das muss dann auch mal reichen" ("Die Straßen unseres Viertels"). Wer dem Album und vor allem dem selbstkritischen Diskurs nicht in jeder Zeile seine ganze Aufmerksamkeit schenkt, läuft Gefahr das Zitat seines Lebens zu verpassen.

Musikalisch orientieren sich Kettcar wieder an die älteren rockigen Vorgänger mit starker und ausgeweiteter Instrumentierung: Die melodieführende Gitarre lässt Piano und vor allem ein missionarisch treibendes Schlagzeug stärker in den Fokus rücken. Der Kontrast "Ich vs. Wir" findet dabei seinen musikalischen Höhepunkt, wenn instrumental getriebene Strophen auf hymnisch gleichgeschaltete Mitsingrefrains treffen, die ihrerseits wieder durch vertrackte, klapprige Schlagzeugrhythmen durchbrochen werden. Ein musikalischer Weckruf par excellence. Mit feierlich treibendem Kettcar-Sound ("Benzin und Kartoffelchips"), experimentierfreudigem Post-Punk als Opposition zu eingängig melodischen Refrains ("Mit der Stimme eines Irren"), aber eben auch mit ruhigen gitarrenumschunkelten Piano-Momenten, die zu hymnischen Erkenntnissen führen: "Wenn du das Radio ausmachst, wird die Scheißmusik auch nicht besser" ("Trostbrücke Süd").

Im Angesicht des nationalen Zeitgeistes fungieren die kompakten Kurzgeschichten von Kettcar dieses Mal mit einem moralischen Auftrag als schonungsloses Ausrufezeichen in einem drängenden Appell zum Handeln. "Ich vs. Wir" kann mit gutem Gewissen und im doppeltem Sinne als eines der wichtigsten deutschen Alben des Jahres bezeichnet werden: Kraftvoll, mitreißend und relevant als hoch politisches Statement für Empathie, Menschlichkeit und Solidarität.


Label: 
Grand Hotel van Cleef
VÖ: 
13.10.2017
Herkunft: 
Hamburg, Deutschland