Kate Tempest - Let Them Eat Chaos

Rezensiert von Manon Hütter

"Zurückhaltung" ist wohl eines der wenigen Worte, dessen sich in Kate Tempests virtuosem Sprachpalast eher seltener bedient wird. Schon der Albumtitel hält nicht kryptisch hinterm Berg, sondern übt mit offenen Karten Systemkritik. Mit dem elektrisierenden Beigeschmack eines wütenden, französischen Unterschichten-Mobs, der Marie-Antoinette mit geballter Faust den Hochmut vom blasierten Gesicht wischen will.

Eröffnet wird die Abhandlung einer Gesellschaftskritik in 13 Akten durch "Picture A Vacuum", gleizeitig eine intonierte Retrospektive von Tempests Metamorphose der Spoken-Word Poetry-Slammerin zum britischen Rap mit Mod-Anleihe. Was im Opener als Weltsicht aus dem All beginnt, verengt sich cineastisch zum Zoom und verschlägt einen nach London.

4:18 Uhr, in einer unbenannten Straße (vermutlich) im londoner Osten. Sieben Menschen, die so nah beieinander wohnen und sich doch nicht kennen, kämpfen gegen ihre Insmonia an. Erfolglos.
Anders als auf "Everybody Down" folgt die Storyline nicht wiederkehrenden Charakteren durch die urbane Tristesse und kollektive Lebenskrise, sondern porträtiert die Individuen im Einzelnen. So wird jeder von seinen eigenen Schatten verfolgt. Selbst jene, die vermeintlich lukrativer aufgestellt sind taumeln - frei nach dem Motto "My future is bright but my past tryin' to ruin me" (Ketamine For Breakfast). Bis die Einzelporträts verschiedener Leben voller Existenzkrisen, geplatzter Träume und Lethargie schließlich zu dem Gemälde einer Straße werden, welche einen in sich geschlossenen Organismus darstellt. Nämlich den des alltäglichen Kampfs der britischen Working Class. Mit dem Fokus auf Verdrängug und Missgunst in der kapitalistischen Ich-Gesellschaft, mit wenigen, meist ungenutzten Nischen für Auflehnung. Und täglich grüßt das Murmeltier.
Eine Verbindung zum Debüt stellt der arbeitslose Pete dar. "Damals" schon den Drogen nicht abgeneigt, ist er nun in einer ernsthaften Identitätskrise und hat sich selbst in den Abgründen der Drogensucht irgendwo verloren.

Was das musikalische betrifft, so hält sich die Platte gegenüber "Everybody Down" zurück, markiert jedoch schizophrenerweise gleichzeitig den musikalischen Fortschritt. Waren die wummernden Beats auf dem Debüt zum Teil noch mehr auf Zweikampfkurs mit den Vocals, so wabern sie jetzt mehr im Dunkeln, um dann zielgerichtet die Lyrics zu stützen, statt sie zum Taumeln zu bringen. Denn Kate Tempest ist und bleibt Herrscherin im Reich der Intonierung, Emphase und des Timings.

Jeder Track besitzt obendrauf sein eigenes Intro - obwohl vielleicht sollte man es auch schon als Prolog bezeichnen, wer kann das bei Kate Tempest schon so genau definieren - was die Dramaturgie immens anhebt und gekonnt die letzten Grenzen verwischt. Denn ob das Ganze nun Rap oder vertonter Spoken Word ist, könnte, ehrlich gesagt, gleichgültiger nicht sein.

Spätestens beim epochalen Finish "Breaks" (zumindest was die Straßenkulisse angeht) sollte man Genrekonventionen als Begriff aus seinem Kopf streichen. Dem Moment, an dem die Fäden zusammengeführt werden, die Schicksale der Charaktere für einen kurzen Moment verwoben werden und ihre Geschichte zu einer wird. Die leeren Augen sich für die Lebensspanne eines Sturms treffen und die geplagten Seelen kurz zur kindlichen Unschuldigkeit zurückfinden und die kollektive Message des Albums erkennen: Teil von etwas zu sein!
Doch Kate Tempest beerbt höchstens Mike Skinner und nicht Rosamunde Pilcher und so findet der utopische Moment ein schnelles Ende im Closer "Tunnel Vision", welcher ebenso gut "Schuld & Sühne" hätte heißen können. Mit einem jedem von uns als Teil einer globalen Welt auf der Anklagebank - mit dem Wissen, versagt zu haben, was die Verantwortung gegenüber dem Planeten angeht. Und trotzdem: Niemand klagt poetischer und schöner an als Kate Tempest.


Label: 
Fiction Records
VÖ: 
07.10.2016
Herkunft: 
London, UK