Jungle - Jungle

Rezensiert von Manon Hütter

“Hey, lass uns Pokemonkarten tauschen.” – Wer hätte gedacht, dass dieser Satz einmal den Beginn einer wunderbaren Freundschaft und Bandgeschichte markieren würde? Bestimmt hätte sich der kleine Junge, der damals so dreist über die Mauer zum Nachbargrundstück hüpfte, um diese vielversprechende Wortkombination in die Welt zu tragen, sich im Leben nicht ausmalen können, mal Teil einer sehr erfolgreichen Musikverschwörung zu sein.

Gäbe es einen Preis für die größten Geheimniskrämer des Jahres, wären Jungle wohl ganz vorne mit dabei. Bis vor kurzem waren sie die Band ohne Gesicht – mit einem Gangfoto als Pressebild. Die Profile beim ersten Auftritt wie zufällig von den wabernden Schwaden der – praktischerweise lädierten – Nebelmaschine verhüllt.

Das Lechzen nach Antworten auf die Namensfrage wurde lediglich mit einem mysteriösen “J” und “T” besänftigt. Nur ganz langsam lichtet sich der Nebel um die Londoner Band und der Hunger nach Wissen, wer sich hinter den ominösen Buchstaben versteckt, wird endlich gestillt. Josh Lloyd-Watson und Tom McFarland lautet die weniger mysteriöse Antwort. Wer auf kreative Künstlernamen wie Justus Jonas und Tweetie gehofft hatte, wird also enttäuscht. Wer sich auf innovativen, experimentellen Sound gefreut hat, wird dagegen eventuell in seinen Erwartungen noch übertroffen.

Denn musikalisch müssen sich Jungle auf keinen Fall verstecken. Hat das Duo früher noch gemeinsam in der Indieband Born Blonde gespielt, so ist man angesichts der spärlichen Restresultate im digitalen Videomuseum YouTube doch recht froh darüber, dass sie sich musikalisch anderen Gefilden zugewendet haben. Und das mit einer Bravour, die nur wenigen gelingt. Das Debütalbum, dessen Titel dem Bandnamen nachempfunden ist, kann sich auf jeden Fall sehen lassen.

Schon der Opening Track “The Heat” besticht durch seinen funkigen 70er Sound, die treibende 3-Akkordfolge und die Sireneneinspieler. Man bekommt das Gefühl, in einem Vorort San Franciscos mit einem Ghettoblaster auf der Straße zu stehen. In grellbunten Baggyklamotten und mit wippender Mähne. Und dieses Gefühl der bittersüßen Nostalgie hält an, zieht sich durch das ganze Album und macht so auch vor Songs wie “Time” und “Accelerate” nicht halt. Nicht zuletzt auch, weil man meint, in letzeren hätte sich eine Frequenz von Nenas 80er Hymne “99 Luftballons” eingeschlichen. Retro Discofunk mit einer großen Portion Soul und einem leicht psychedelischen Beigeschmack dominiert auch hier.

Die beiden heimlichen Hits des Albums , “Busy Earnin” und “Platoon”, hangeln sich weiterhin an diesem Grundgerüst entlang, allerdings in deutlich reduzierter Form. Während bei “Platoon” die atmosphärische Kurve von gedämpften Grusel-Synthies und Falsetto-Vokalen zu urbanem Groove à la TV On The Radio umschlägt, nimmt “Busy Earnin” eindeutig das Gas vom Soulpedal und macht Ausflüge in den Elektropop. Der Song hat was von Labelpartner The Prodigys Hit “Firestarter”. Nicht im musikalischen Sinne, aber vom Grundgedanken. Eine einfache repetitive Line, die sich durch das komplette Stück zieht, wenngleich “Busy Earnin” deutlich euphorischer und weniger angsteinflößend daherkommt. Und immer noch irrt man irgendwie zeitlos durch die Genres.

“Smoking Pixels” – das einzige reine Instrumentalstück – beendet diese nostalgische Reise leider frühzeitig. Man fragt sich, ob J und T auf einmal einfach keine Lust mehr auf Wörter hatten. Es ist ein bisschen so, als habe man die ganze Zeit über Buchstabensuppe gelöffelt nur um auf einmal zu merken, dass das Nudelalphabet schon komplett aufgegessen ist. Und dann realisiert man, dass man die Suppe nur der Nudeln wegen gegessen hat und sie ohne diese irgendwie fad schmeckt.
Leider schaffen es die darauffolgenden Songs wie “Son Of A Gun” trotz wiedergefundener Sprache nicht so recht, einem die rosarote Retrobrille wieder aufzusetzen. Vielleicht auch eine Nebenwirkung davon, dass man sich langsam an den eigentlich experimentellen Stil der Band gewöhnt hat und in gewisser Weise eine Art leichte Monotonie vernehmen kann. Allerdings bestimmt diese Monotonie die Einfachheit der Stücke. Und genau diese einfach gestrickte Leichtigkeit ist es, die Jungles Musik so hörenswert macht.

Kurz und knapp, Jungle haben Potenzial und das schöpfen sie aus. Ob zu Gänze, dass muss sich in der Zukunft erst noch herausstellen. Aber die Dynamik zwischen “J” und “T” stimmt einfach. Und bei Vergleichen mit Disclosure und Blood Orange werden Fans dieser Bands es dieses Jahr nur schwer an Jungle vorbeischaffen. Jungle wollen Energie freisetzen, die Straßen zum tanzen bringen. Und das tun sie. Wer noch Anleitungen für Tanzschritte braucht, die liefert die Band in Form ihrer Videos zu “The Heat” und “Platoon” gleich mit.


Label: 
XL Recordings
VÖ: 
11.07.2014
Herkunft: 
London (England)