Jennylee – Right On!

Rezensiert von Lukas Wortmann

Right in the feels! Verschwommen, ungreifbar, roh, angekratzt. Wer sich mit dem Lo-Fi und Psychedelic Sound von Warpaint schon nicht identifizieren konnte, wird es bei dem Soloalbum eben jener Bassistin Jennylee wahrscheinlich auch nicht tun. Hier geht es noch schemenhafter zu, Vocals sind oft nur ein Hauchen oder Krächzen, musikalisch ist es reduzierter und unglaublich entschleunigt. Jenny Lee Lindberg, aktuell ohne die charakteristischen, pinkgefärbten Haare, findet mit ihrem Soloprojekt ihren eigenen Platz neben ihrer vierköpfigen Stammgruppe Warpaint. Das spiegelt sich wieder im eigenen Sound, aber auch in persönlicheren Lyrics.

“Right On!” heißt die Platte und setzt mit dem ersten Song “Blind” direkt ein Statement. Vier Minuten, fast nur Bass und Gesang, den Verstärker hört man noch brummen. Das ist sperrig und will nicht eingängig sein, sondern, wie auf dem Rest des Albums, das rauslassen was schon lange in Jennylees Kopf herumschwirrt. Im anschließenden “Boom Boom” geht es klarer und aufgeweckter zu: “Society is anxiety / is a misery / is a myth” singt sie und wirkt dabei aktueller denn je. Nur sie selbst will über sich bestimmen und Gesellschaft ist nur ein Konstrukt, das im Konflikt (“Boom Boom“) endet. Noch eindeutiger wird das im darauf Folgenden “Never”, hier allerdings in abstrakter Form, ohne direkten Bezug. “Never” ist gleichzeitig auch der wohl catchigste Track auf der Platte mit eingängiger Bassline und tollem Schlagzeug.

Right the f on” postet sie selbst am Release Tag auf Facebook. “I was recently given the best advice… It’s really none of my business how it’s perceived. […] I’m living. I’m loving. I’m feeling”. Viel Erleichterung also nach der Produktion des Soloalbums. Und die Songs fühlen sich auch genauso persönlich an. “Long Lonely Winter” ist der stärkste und sentimentalste Song auf der Platte und brennt sich, anders als der Rest, schon beim ersten Hören in den Kopf. Melancholisch und depressiv, mit Lichtblick und Umschwung nach etwa der Hälfte des Songs, wenn Jennylees unglaublich gutes Gespür für Basslines wieder zum Vorschein kommt. Ab dem Song “He Fresh” gibt es einen kleinen Break von der Thematik her. Sie singt in den letzten vier Songs jeweils über eine he-Figur, die stets unerreichbar ist und ihre Angebote nicht erwidert, wie etwa in “Offerings”. In Letzterem wird deutlich was das gesamte Album so stark macht: Neben der fast schon manisch-depressiven Grundstimmung sind es die kleinen Ausbrüche, die besonderen Momente, die selbst nach mehrmaligem Hören noch unerwartet kommen, aber direkt vertraut wirken. In “Offerings” ist es das explosive “I gave you offerings / offerings all day“, in “White Devil” das eskalierende Ende oder in “Real Life” die Zeilen “What used to be so easy / is now easier / is now easier” in der Jennylee mit der Stimme nach oben geht.

Sperrig bleibt das Album bis zum Schluss. Erst nach mehrmaligem Hören schafft man es eine Struktur zu erkennen und die Songs zu entwirren. Vor allem der Bass und die Stimme von Jennylee stehen für den eigenen Sound. Vermissen tut man jedoch noch mehr zeitlose, hängenbleibende Momente wie in “Long Lonely Winter” oder “Never”. Es ist ein Album zum Zuhören oder Überhören, dazwischen gibt es keinen Platz. Aber wer sich einlässt auf die sehr eigene Gefühlswelt der oft als Hippie dieser Generation betitelten Jennylee, den erwartet die wohl gefühlvollste Platte dieses Winters.


Label: 
Rough Trade Records
VÖ: 
11.12.2015
Herkunft: 
Elko, Nevada (USA)