JaKönigJa - Emanzipation im Wald

Rezensiert von Manon Hütter

Die Gegenbewegung zur Urbanisierung hat endlich ihr Gesicht gefunden! Beziehungsweise gleich drei: Die Urgesteine Ebba und Jakobus Durstewitz sowie seit 1995 Marco Dreckkötter, der es leider um ein Jahr verpasst hat als Gründungsmitglied gelistet zu werden. Statt auf die "Hamburger Schule" zu gehen, absolvierten JaKönigJa lieber fix die Reifeprüfung, um sich stattdessen über eine "Festanstellung" im Pausenhof ebenjener Hamburger Schule, dem Goldenen Pudel, zu profilieren.

Da bei ihnen schon damals Diskurs nicht unbedingt Teil des Diskurs war, blieb ihnen der hanseatische Genrestempel großteils erspart. Dank des Cellos ließ dann aber die Einordnung in den quasi schon eigenst dafür erschaffenen Kammer-Pop nicht lange auf sich warten und heftet ihnen noch heute an.
Sei es nun den teils recht extravaganten Arrangements in der Instrumentierung geschuldet oder den verschrobenen Lyriks, dass sie musikalisch mit nostalgisch kleinstirniger Kammerästhetik assoziert werden - aus vier Wänden stammt ihr sechstes Album auf jeden Fall nicht. Das Regiment der Vorherrschaft hält nämlich ganz klar die Stadtflucht in Form eines knorrigen Eichenwurzel-Zepters in der weit ausgestreckten Hand. Landflucht? Urbanisierung? Das war einmal! JaKönigJa suchen stattdessen "Zuflucht in Pflanzen". Und schon hier entfächert sich ihre weitgreifende Metaphorik, die freie von vorgegebener Deutung darüber ist, ob diese Pflanzen nun als ihr biologisches Selbst oder als selbstgebrannter Kirschschnaps zu interpretieren sind.

Freiraum zur Assoziation geben ohne sie dabei vehemmend einzufordern, das die Devise. Ob "Woher Kommst Du" dabei handlungstechnisch von Liebe erzählt oder schlichtweg die Kunst an sich verkörpert, ist dabei vollkommen gleichgültig. Ob man nun den Kirschbaum oder den Obstler sieht - jeder für sich jeder wie er mag. Doch gerade durch ihre kryptische und geschlossene Struktur sind die Texte so völlig offen und frei. Sie fordern nichts und wollen nichts zwingend geben - und das ist überaus erfrischend.

Das weite Repertoir an Instrumenten beinhaltet neben der klassischen Besetzung Posaune, Mandoline, Altflöte, Streicher noch diverse andere - womit man wieder beim Kammerorchester wäre. Zu erwartender Klangbrei bleibt aus, obwohl sich Instrumentierung und Vocals irgendwie immer wieder finden, sich umeinanderwinden und teilweise so verschmelzen, dass die Vocals als Hauptinstrument agieren. "Sie Kommen Näher", einer der heimlichen Highlights des Albums, wirkt dabei zugleich wie Elternteil, als auch Kind von den Kollegen von Die Heiterkeit. Und "Polar" bildet instrumentierungstechnisch fast schon eine Art hypnotischen Sog, der einen in die Tiefe arktischer Meere zu reißen vermag.

Ambivalenz beschreibt "Emazipation Im Wald" wohl am besten. Ja zur Veränderung, aber bitte nicht zu viel und vor allem bitte nicht so schnell. Und überhaupt: Warum kann eigentlich nicht alles einfach so bleiben wie es ist. JaKönigJa sind das schizophrene Kind, das voller Tatendrang in den Wald rennt, erst ganz überwältigt ist von der Schönheit der Natur, dem dann aber einfällt, dass es Bäume eigentlich zu grün findet, sich aber in den abgasgetränkten Hochausschluchten der Großstadtidylle mehr als verloren fühlt.

Der Prozess der Befreiung aus Gesellschaftsstrukturen und der eigenen Abhängigkeit von vorgeschmiedeten Sozialgefügen ist schwierig. Warum also das Ganze nicht durch die leicht verzerrte Buntglasbrille betrachten? Denn wie eine alte lowtzow'sche Weisheit besagt: Pure Vernunft darf niemals siegen!


Label: 
Buback Tonträger
VÖ: 
29.07.2016
Herkunft: 
Hamburg