Grant Nicholas – Yorktown Heights 10. August 2014

Rezensiert von Manon Hütter

Es war einmal ein Leadsänger, der seiner Band den Rücken kehrte, um sich auf die Suche nach sich selbst zu begeben. Klingt nach einem prädestinierten Klischee – ist es auch. In den meisten Fällen endet diese Benutzung abzweigender verworrener Pfade allerdings mit dem glorreichen Ergebnis, genau dort wieder anzukommen, wo man angefangen hat. Also mehr ein Tagesausflug ins Landgastheim um die Ecke als eine Odyssee durch den Amazonas. Selbstfindungszirkel statt Selbstfindungspfad lautet die Devise. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel. Man denke an Namen wie Noel Gallagher und Julian Casablancas. Auch Grant Nicholas ist so eine Ausnahme. Musikalisch vergleichen lässt er sich zwar kaum mit dem Oasis-Gitarristen oder dem dem Strokes-Wirbelwind, aber auch er hat es geschafft, irgendwie zu sich selbst zu finden. Nach 20 Jahren Rockröhrenattitüde als Sänger und Gitarrist der walisischen Rockband Feeder wendet er sich mit seinem Debütalbum den ruhigeren Gewässern des Singer-Songwriter-Genres zu.

Dass er sein Boot auch in sanften Gefilden zu steuern weiß, beweist schon das Eröffnungsstück „Soul Mates“. Eine emotionale Hymne aus einer gelungenen Fusion von Akustikgitarre und Gesang. Auch die Ballade „Isolation“ und das Interlude „Good Fortune Lies Ahead“ entspringen ganz klar dieser Quelle und sind Paradebeispiele für daher plätschernde Singer-Songwriter-Tracks, wobei letzterer allerdings etwas forciert und varietätsarm daherkommt. Schön, aber nicht die Neuerfindung des Rads. Grant Nicholas schafft es dennoch, die neue Genrewahlheimat gekonnt auf seine Verhältnisse abzustimmen und zu modifizieren. Er dehnt sie einfach aus und macht Ausflüge in den Pop und Indie, ohne den sicheren Heimathafen der Singer-Songwriter-Insel zu verlassen. Im Songwriterkindergarten ist er quasi das Kind mit dem Chemiebaukasten, während alle anderen noch eifrig mit Schaufeln im Sand buddeln. Deutlich flotter und drängender kommt „Hitori“ daher mit seinen fein anklingenden und doch stetig vorwärtstreibenden Background-Synthies. Verstärkt zeichnet sich auch hier der leicht nostalgische 70er Touch ab, welcher wie die Ausschlaglinie einer Herzfrequenz mal mehr und mal weniger durchklingt, sich jedoch durch das ganze Album schlängelt. Der Kontrast der euphorischen Melodie zu den doch recht melancholischen Lyrics ist allerdings erst einmal gewöhnungsbedürftig. Auch „Vampires“ und der heimliche Hit „Joan Of Arc“ bewahren sich diese leichte 70er Note, sind aber gleichzeitig ganz klar im Jetzt angekommen. Letzteres eignet sich nicht nur auf Grund des empirischen Namens perfekt für den Soundtrack eines Independent-Films, sondern deckt mit seinen durchmischten Einflüssen Facetten von Pink Flyod bis R.E.M. ab. „Vampires“ dagegen ist expansiver und erinnert im Gitarrenintro ganz leicht an Oasis’ Wonderwall, nimmt dann aber schnell die Noir- Synthies wieder auf, welche einem schon bei „Hitori“ begegnet sind.

„Yorktown Heights“ wurde großteils in dem gleichnamigen Kaff in Up State New York aufgenommen. Einem Ort, wo sich Hase und Igel eingebettet in idyllische Wälder „Gute Nacht“ sagen. Diese Isolation der Einöde schlägt sich auch in „Tall Trees“ nieder. Eine von Pianoklängen sanft umtuchte Ballade, welche sich das eigene Genre Lumberjack-Folk schafft. So sehr er es versucht, so ganz kann sich Nicholas nicht von seiner Feeder-Vergangenheit trennen und das ist auch gut so. Denn es sind auch Tracks wie „Robots“, die Abwechslung zur klassischen, leicht dahinplätschernden Singer-Songwriter-Musik liefern. Nicholas befindet sich gesanglich wieder in den 90ern und der robotische Beat, abgemischt mit den beständigen, nach hinten dominanter werdenden Vokals, rundet das Bild ab. „It felt so natural because there were no expectations“ und genauso ist das Album, auf süß-spritzige Limonadenweise erfrischend natürlich. Die Grundzusammensetzung der Limonade besteht zwar nicht aus reinen Singer-Songwriter-Elementen, sondern beinhaltet auch eine gewisse Dosis an Pop-Konzentrat, aber in ihrer Funktion ist sie sich treu geblieben – sie erfreut. Grant Nicholas ist authentisch, erinnert an Nick Drake, macht zurückgenommene Musik mit 70er-Flair und das mit der Attitüde eines chilligen Westcoast-Skaters. Wäre er Limonadenverkäufer, wäre er wahrscheinlich ein guter.


Label: 
Popping Candy
VÖ: 
14.08.2014
Herkunft: 
Newport (Wales)