Foxygen - Hang

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

Theatralisch – müsste man Foxygens viertes Album mit nur einem Wort beschreiben, wäre es dieses. Und damit ist nicht die Bedeutung von "aufgesetzt" oder "gekünstelt" gemeint. "Hang" ist einfach ein großes und raffiniertes Stück Musiktheater, was nicht zuletzt an dem 40-köpfigen Symphonieorchester und dessen Arrangement von Trey Pollard und Matthew E. White liegt, die sich Sam France und Jonathan Rado zur Unterstützung nach Los Angeles geholt haben. Spaltete der Vorgänger "...And Star Power" 2014 die Fangemeinde noch entzwei und führte mit 80 Minuten Spielzeit zur völligen Überlastung gleicher, komprimiert das Duo auf dem neuesten Album seine Ideen auf gerade mal acht Songs und 32 Minuten. "Hang" zeigt sich als ihr "erstes richtiges Studio-Album" wesentlich zugänglicher und mit viel Hitpotenzial, während die weirden Momente trotzdem nicht verloren gehen - immerhin sind als weitere Gastmusiker auch die Lemon Twigs und Steven Drozd von den Flaming Lips dabei.

Schon der Opener "Follow The Leader" gibt einen perfekten Eindruck, was einen in der nächsten halben Stunde erwartet. Soul-ähnliche Einlagen der Trompete, harmonische Klangteppiche der Streicher wie in einem Ausschnitt aus einem Musical der 70er Jahre entwickeln die entsprechende Feel-Good-Stimmung. Den Songtitel darf man dabei durchaus wörtlich nehmen, wobei "The Leader" Foxygen natürlich höchstpersönlich sind und wohl auch diejenigen wieder zurück ins Boot geholt werden, die es beim Vorgänger "...And Star Power" verlassen hatten. Unbeschwert setzt sich die Reise mit "Avalon" fort, der durchaus den einen oder anderen Abba-Moment besitzt. Auch hier wieder komplette Broadway-Atmosphäre. Man kann sich bildlich vorstellen, wie alle gemeinsam tanzen und fröhlich "Avalon" singen. Foxygen sorgen allerdings dafür, dass man über all den Broadway-Anleihen nicht vergisst, dass es sich um die Psychedeliker handelt. Hin und wieder ziehen sie das Tempo dermaßen an. Wie ein Karussell, das immer schneller wird und man aufpassen muss, dass man nicht herausfällt – ein riesiger Zirkus.

Mit "America" schlagen France und Rado dagegen einen ernsteren Ton an. Die Widersprüche zwischen den hohen Streichern und den tiefen Blechbläsern verbreiten eine angespannte Atmosphäre. Mit dem Einsatz des Gesangs wechselt diese in eine träumerische Stimmung, aber der Text verrät wie Foxygen wirklich zu Amerika stehen. Da heißt es: "Merry Christmas From The Pines / Hallelujah, And Then / [...] Just A Witch Who Comforts You When You're Dying / When You're Dying". Und weiter singt France „If You're Already There, Then You're Already Dead/ If You're Living In America, Whoa". Die Stimmungs- und Tempowechsel in "America" dabei sind derart ausgeklügelt, dass sie die Rock-Symphonie zu dem Highlight auf „Hang" lassen werden.

Nach all dieser Aufregung tut die Erfrischung durch den folgenden "On Lankershim" dennoch gut, um auch noch für die drei restlichen Tracks des Albums ein offenes Ohr zu haben. Einer davon, "Trauma", ist wohl der schwelgerischste Song des ganzen Albums. Getragen vom Streicherbett singt France "Everyone Has Their One Trauma/ [...] If I Can Get Over This Trauma" – ein verbindendes, wenn auch leicht deprimierendes Eingeständnis, dass wir alle unser Päckchen zu tragen haben. Doch in "Rise Up" folgt auch direkt die Handlungsaufforderung seinem Herzen zu folgen und seine Träume zu verwirklichen, denn "Nobody Else's Will Do". Musikalisch hätte die Botschaft nicht besser verpackt werden können. Groß inszeniert beginnt das Stück mit einem Paukenschlag und mit vollster Inbrunst singt France "Rise Up". Konsequenterweise schließt das Album mit einem großen Finale des Orchesters.

Die Frage, die man sich nach dem Hören von "Hang" stellt: Wann gehen Foxygen mit diesem Album auf Tour? Denn dieses differenzierte Stück Musiktheater, mit all seinen cleveren Tempo- und Stimmungswechseln, den verschiedenen musikalischen Einflüssen und der in sich stimmigen Inszenierung, gehört auf die großen Showbühnen.


Label: 
Jagjaguwar
VÖ: 
20.01.17
Herkunft: 
Westlake Village, USA