Florence + The Machine – How Big, How Blue, How Beautiful

Rezensiert von Sophia Kisfeld

Weg aus der Fantasiewelt, hin zur Realität. So könnte man das klangliche Ziel der neuen Platte von Florence Welch (28) mit “How Big, How Blue, How Beautiful” beschreiben. Es sind weniger die sphärischen Klänge, die den Hörer packen, als vielmehr die imposante Instrumentierung einer Band, die das Album in einen Konzerteindruck verwandelt.

Die ersten Alben von Florence + The Machine, “Lungs” [2009] und “Ceremonials” [2011], waren fantasievoll und träumerisch. Mit großen Nummern wie “Rabbit Heart (Raise It Up)”, “Dog Days Are Over”, “Shake It Out”, Covern wie “You’ve Got The Love” oder “Hospital Beds” erreichte sie große Bekanntheit. Außerdem spielte sie sich mit ihren Alben und Liveperformances verschiedene Preise ein. Der erste Gedanke bei Florence + The Machine gilt ihrer besonderen Stimme, der zweite ihrer Bühnenperformance und der träumerischen Welt in der sie sich bewegt.

Schon das Cover der neuen Platte “How Big, How Blue, How Beautiful” macht den Unterschied zu seinen Vorgängern deutlich. Florence Welch wird nicht artifiziell in Szene gesetzt, sie ist nicht verkleidet, es wird keine fantastische Welt um sie herum geöffnet. Doch ihr Blick verrät, dass sie etwas mitteilen will und dass sie das auch wird. Die Art und Weise ist deutlich: der volle Klang ihrer Stimme wird nicht umhüllt, sondern umrahmt von deutlichen Klanggebilden aus Gitarren, Schlagzeug und orchestralen Elementen.

Bereits die erste Single “What Kind Of Man” zieht die Aufmerksamkeit auf sich: ihr leicht verzerrter Gesang setzt mit kirchlicher Atmosphäre ein, wird jedoch durchbrochen durch die Klarheit ihrer Stimme, den dramatischen Klang der Gitarre und den Tritt durch das Schlagzeug. Die Instrumentierung und ihr Gesang geben ihr Entsetzen über die Irrationalität der Liebe preis: Sometimes you’re half in and then you’re half out / But never close the door / What kind of man loves like this. Es ist der elende Kreis, aus dem sie nicht herauskommt, die Abweisung und die Anziehung, die sie in eine Dauerschleife zieht – in der Dauerschleife in der auch “What Kind Of Man” laufen könnte.

“Queen Of Peace” beginnt mit einem leisen Intro, öffnet sich und überlässt den Streichern die Melodieführung. Man könnte annehmen, es wird zart harmonisch, doch das typische Bandgebilde reißt die Stille auf und vereint sich zum Refrain mit einem Satz Trompeten: Suddenly I’m overcome / Dissolving like the setting sun / Like a boat into oblivion / Cause you’re driving me away / Now you have me on the run / The damage is already done / Come on, is this what you want / Cause you’re driving me away. Sie liebt und leidet. Sie weiß, dass sie diejenige ist, die ihrem Geliebten und sich selbst durch das Zusammensein den Liebesschmerz nehmen kann – doch sie kann nicht bei ihm sein und das bereitet ihr wiederum das Elend.

Doch sie weint und wehrt sich nicht nur laut. “Various Storms & Saints” reduziert den Klang wieder. Die Instrumentierung ist schlicht: die E-Gitarre begleitet von ein paar Streichern. Darüber hinaus ihr unveränderter Gesang und ein kleiner Chor, der sie harmonisch unterstützt. Der Text lebt von dieser Reduzierung. Sie singt von dem Leid, das man durch Liebe empfinden kann und davon, dass das Leid überstanden werden wird. Sie fordert dazu auf, auf das eigene Herz zu vertrauen, denn das leitet einen in die richtige Richtung.

Neben dramatischen und leidvollen Stücken sind auch pop-artige Lieder zu finden. Diese jedoch sind vom typischen hymnischen Klang von Florence + The Machine beeinflusst, so unter anderem “Ship To Wreck”, “Caught”, oder “Third Eye”. “St.Jude” zieht den Hörer in eine elektronische, traurige Atmosphäre. Auch Florence selbst fährt nicht aus der Haut, geschweige denn nutzt ihre ganze Klangvielfalt mehrerer Oktaven. Sie ist reduziert, resigniert und in ihren Gedanken verloren. “Mother”, das letzte Stück des Albums vereint noch mal ihre Stimmgewalt mit dem vollen Einsatz der Band und Samples, die an vorherige Alben erinnern. Es ist der bluesartige Sound, der sie leicht ironisch daherkommen lässt, seine volle Ausdruckskraft jedoch im Refrain findet. Sie heult zur Mutter Natur, ein Teil der Natur zu werden, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Sie hebt ab in psychedelische Sphären und explodiert förmlich.

Florence + The Machine bewegen sich nicht mehr in fremden träumerischen Welten. Mit offenen Augen und offenem Herzen wird Florence Welch durch das Leid der Liebe gestoßen, der Realität und ihrer Gefühlswelt getrieben. Das Album wirkt direkter und der Welt näher, vielleicht erwachsener. Es reißt die sphärischen Ebenen an, doch Instrumentierung und Gesang sind orchestraler und fordernder. Es ist vielleicht nicht nur der inhaltliche Weg, den Florence Welch hier beschritten hat, sondern auch die Erlebnisse auf musikalischer Ebene. Konzerte, Touren, die immer größer wurden, könnten Anlass sein, dass dieses Album klanglich in größeren Dimensionen gedacht ist. Auch wenn der Klang des Albums die Träumereien vorangegangener Alben verschwinden lässt, gibt es “How Big, How Blue, How Beautiful” einen imposanten Eindruck – den man eigentlich lieber live sehen und hören möchte.


Label: 
Islands Record Group
VÖ: 
29.05.2015
Herkunft: 
London, England