FJØRT – Couleur

Rezensiert von Leonie Wiethaup

Unglaublich beinahe, dass sich FJØRT vor gerade einmal fünf Jahren in Aachen gegründet und ihre „Demontage"-EP veröffentlicht haben. Nun, im November 2017, erscheint „Couleur", Studioalbum Nummer 3 und der nicht mehr so ganz notwendige Beweis für die Existenz ihres außerordentlichen Talents. FJØRT machen drückenden Post-Hardcore, Spartenmusik, garantiert nichts für Jedermann und vor allem nicht für die breite Masse. Ihre Musik schlägt ein – laut, zielgenau und mit Nachbeben. Wie eine Bombe. Sie tut dort weh, wo der Schmerz, die Angst und die Verzweiflung ohnehin schon tief sitzen. Sie schürt die glimmernden Funken, lässt sie wachsen zum flammenden Inferno.

Rückwärts war nie vorgesehen" schreien sie im Opener „Südwärts". „Blicke wie Schüsse, den Tick zu verschlissen, um es besser zu wissen. Es holt dich ein, geht ringsumher. So weit das Auge blickt, erstreckt es sich. Es holt dich ein, merkst du das nicht?". Brutal und voller Energie machen FJØRT ihren Unmut über Gesellschaft und Politik Luft – von Anfang an. Sie holen direkt ab und sobald zum Schluss die Stille einkehrt, ist alles, was bleibt, ein tiefes, klaffendes Loch. Ein Gefühl der Leere, aber auch der Erkenntnis. Lange haben ähnliche Gedanken bereits im eigenen Kopf gespukt, nun werden sie von jemand Anderen ausgesprochen. Ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass man nicht alleine ist.

Risiken sind FJØRT schon immer eingegangen. Sie haben nie über ein Thema geschwiegen, aus Angst, es könnte mit bitterem Nachgeschmack aufstoßen. Auf „Couleur" gehen die drei jungen Männer aber noch einen Schritt weiter. „Ein Gedanke auf Granit, ich will doch nur eins: Dass mein verdammtes Wort Genauso viel wiegt wie deins [...] Dreimal, bitte gib auf dich Acht. Ich weiß nicht und wusste nie, wie man das macht. Aber eins ist gewiss: Wirst du mundtot gemacht, weil deine Denke hier nicht passt, dann steh auf und sprich!"

Es knallt – ab der ersten und bis zur letzten Sekunde. Es gibt kein langes Intro, kein Vorgeplänkel, um sanft und mit graziler Anmut in das Album einzusteigen. Es wird nichts beschönigt, eben weil es nichts zu beschönigen gibt. Mit ihrem markigen Sprechgeschrei geben sie den jahrelangen Anhängern ihrer Musik Grund zur Freude, mit ihrer Musik setzen sie derweil das Zeichen ihrer Wandelbarkeit.

Sicher, man hört noch immer direkt und ohne Schwierigkeiten, welche Truppe da am Werk ist. Dennoch klingt ihr Sound kratziger als sonst. „Räudiger" würde Sänger und Bassist David Frings wohl sagen, der im Interview zu Protokoll gibt, er habe genau das am Van Holzen-Album „Anomalie" so gut gefunden und darauf auch Philipp Koch angesprochen – der nun neben Bands wie eben Van Holzen auch FJØRT in seiner Produzenten-Vita verzeichnen kann. Auf ihren vorherigen Veröffentlichungen haben FJØRT gezeigt, dass sie auch ohne Produzenten, ohne temporäres viertes Bandmitglied, Alben sehr hohen Niveaus schreiben können. Mit dem Heisskalt-Gitarristen an ihrer Seite konnten sie nun allerdings noch weitergehen. Noch besser werden. Noch vielseitiger, noch direkter, noch pointierter.

Auf „Couleur" könnten sich FJØRT kaum treffsicherer in Text und Musik zeigen. Es in seiner vollen Pracht zu beschreiben, ist dabei kaum möglich, denn bei jedem Durchlauf geraten neue Details in den Vordergrund – seien es nun Melodielinien, die man zuvor kaum wahrgenommen hat, oder weitere Bedeutungs- und Interpretationsmöglichkeiten der Texte. „Couleur" liegt Wut und Kritik inne, ebenso klingt FJØRTs drittes Album aber auch hoffnungsvoll. Zumindest entlässt es den Hörer nicht als ängstliches, nun vollkommen in sich gekehrtes Wrack, das keinen Sinn mehr sieht, sondern vielmehr mit dem Wissen, dass es so nicht mehr weitergeht. So nicht mehr weitergehen kann.

FJØRT sind die Post-Hardcore-Ausnahmetalente dieser Zeit. Sie sind intelligent, unmissverständlich und erbarmungslos und ihrer Meinung, gleichwohl wie in ihren Texten. FJØRT ecken an und überschreiten Grenzen – und immer, wenn man denkt, sie hätten den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht, wie im Frühjahr 2016 mit dem Release von „Kontakt", kommen sie mit einem neuen Werk daher. Mit neuen Songs, die noch besser, noch direkter und noch einschneidender sind als alles bereits Bekannte.

Ich bin so müde vom Zählen, ich habe 1933 Gründe, schwarz zu sehen. Doch egal, wie viel da kommt, ich hab' alles, was ich brauch'. Denn die 1933 Gründe – ihr habt sie auch!" („Raison").


Label: 
Grand Hotel van Cleef
VÖ: 
17.11.2017
Herkunft: 
Aachen, Deutschland