Everything Everything – Get to Heaven

Rezensiert von Jonas Gutsche

Wer heute auf lange Sicht erfolgreich sein will, muss sich vom Mainstream abheben und sich trauen, Neues anzugehen.
Die britische Indie Rock-Band “Everything Everything” macht genau das mit ihrem dritten Album “Get To Heaven”.

Nach dem Erfolg ihres letzten Albums setzten sich Sänger Jonathan Higgs, Bassist Jeremy Pritchard, Gitarrist Alex Robertshaw und Schlagzeuger Michael Spearman in Manchester zusammen, schrieben ihre Texte und nahmen “Get To Heaven” auf. Fertiggestellt wurde das Album dann mit Hilfe des Produzenten Stuart Price, der unter anderem auch Madonna und die Pet Shop Boys unterstützte. Das mag einem unter musikalischen Gesichtspunkten komisch vorkommen. Dass sich die Zusammenarbeit aber gelohnt hat, zeigt das fertige Album.
Nach “Man Alive” (2010) und “ARC” (2013) erscheint dieses Jahr eine bunte Sammlung an energiegeladenen, ausgelassenen Songs.

Das Albumcover zeigt einen überraschten Mann, der von zwei fremden Händen gepackt wird. Genau so fühlt man sich als Hörer beim Hören des Albums. Die Musik packt einen einfach und überrascht wirklich.
Die erste Überraschung liefert der erste Titel “To The Blad”, wenn sich der sanfte Elektrosound zu Beginn plötzlich zum rockigen, schnellen Song entwickelt. Passend dazu die Falsett-Stimme Higgs’, die mit ihren irren Höhen das Ganze zusammenhält.

Songs wie “Distant Past” und “Regret” machen das Album zu einem vielseitigen Mix. Sei es der elektronisch sanfte Beat und der eingängige Refrain in “Distant Past”, oder der poppige Retrosound in “Regret”. Letzterer überzeugt vor allem durch eine simple Struktur, die den Gesang in den Vordergrund rückt.

“Get To Heaven” gönnt dem Hörer keine Ruhepausen und sticht gerade dadurch hervor. Es ist ein schnelles, leidenschaftliches, abenteuerliches Album. Ziel der Band scheint es zu sein, von Mainstream-Themen in den Lyrics wegzukommen und andere, wichtige Dinge anzusprechen. Trotzdem soll sich das nicht in der Musik widerspiegeln. So sind zentrale Themen in den Songs die alltägliche Brutalität in der Welt, Naturkatastrophen, Krankheiten und blinde Wut. Verpackt werden diese Themen aber in ausgelassene, trügerische Melodien.

So singen “Everything Everything” im dritten Titel “Get To Heaven” von Krieg, Zerstörung und Elend: out in the cold there’s an old man laying down in the flames tonight heißt es da. Im Anschluss daran erklingt fröhliches Pfeifen. Das ist grotesk, ja. Aber so entsteht ein Kontrast zwischen Text und Musik. Die Melodie bewegt sich selbstständig, ohne Bezug zum textlichen Inhalt.
Und das macht die Songs so interessant.
Die stärksten Songs sind ohne Frage auf der ersten Hälfte der Platte zu finden. Die zweite Hälfte liefert eher den gewohnten “Everything Everything”-Sound und knüpft mit Titeln wie “Blast Doors” oder “No Reptiles” an alte Alben an. Während die ersten Titel noch sehr energiegeladen sind, schlägt die Band in den letzten Titeln etwas sanftere Töne an.

“Get To Heaven” ist ein progressives Album. Die Musik hält sich an keine Stilvorgaben und wirkt dadurch sehr abwechslungsreich.
Die Band liefert damit ihr wohl persönlichstes Album ab. Als Zuhörer kann man hören, dass die Jungs voll hinter ihrem Album stehen.

Did you think that everything, everything would change?

heißt es lustigerweise in einem Song. Verändert haben sich “Everything Everything” zum Glück nicht. Aber sie haben mit “Get To Heaven” Abwechslung in die Musikszene gebracht. Danke dafür!


Label: 
RCA
VÖ: 
19.06.2015
Herkunft: 
Manchester, England