EL VY – Return To The Moon

Rezensiert von Lukas Wortmann

Alles was Matt Berninger von The National anfasst wird zu Gold. Da ist sich die Musikszene – wie sonst nur sehr selten – einig. Ob es die vielschichtige Musik ist, die der Bariton maßgeblich mit bestimmt oder ein Dokumentationsfilm über seine Band, der letztendlich in einem Beziehungsdrama über ihn und seinen Bruder endet. Während an der neuen The National Platte schon fleißig gearbeitet wird, hat sich Berninger die Zeit genommen, um ein schon jahrelang geplantes Projekt mit Musiker Brent Knopf (Menomena, Ramona Falls) endlich in Angriff zu nehmen. Unter dem Namen El VY haben sie nun das Album Return to the Moon veröffentlicht und das klingt gänzlich anders als The National.

Wie maßgeblich eine Person für den Klang einer Musikgruppe sein kann haben wir bei The Dead Weather hören können. Das ist gut, aber klingt nur nach Jack White! Andere Einflüsse werden entweder von den verzerrten Gitarrenriffs überschattet oder haben sich im Plenum nicht durchsetzen können. Vorweg: Bei El VY ist das anders! Ja, die Stimme Berningers trägt viele Songs und die oft autobiographischen Lyrics stammen aus seiner Hand. Aber die andere Hälfte der Musik ist so bedeutend anders als bei seiner Stammgruppe, dass eingefleischte Fans der sperrigen und verstrickten Musik sich erstmal an die neuen Strukturen gewöhnen müssen. Es dudelt ungewohnt! Klare Melodieverläufe mit herausstechender Instrumentierung und Synthesizern geben den Raum für den Einsatz der Vocals deutlich vor und dienen als Wiedererkennungsmerkmal. Das ist eingängig, abwechslungsreich und einfach gut anzuhören!

Berninger und Knopf erzählen über fiktive Personen, wie gewohnt mit dem Zauber den Berningers Texte mit sich bringen. Zeilen wie “We could stay here for ever / And never get together / Wouldn’t matter what’s the weather / We’ll never get together” im melancholischen “Silent Ivy Hotel” klingen so frei und unbefangen, man könnte fast meinen Morrissey hätte seine Finger mit im Spiel gehabt. Anders in “I’m the Man to Be”, das mit viel Humor einen einsamen Rockstar im Hotelzimmer beschreibt: Das erwähnte “green collared fuck me shirt” hat direkt Kultstatus und die großartigen Zeilen im Chorus “I’m peaceful cause my dick’s in sunlight / Held up by kites / Cause I’m the man to be” lassen jeden schmunzeln, auch weil es so authentisch und autobiographisch nach Berninger selbst klingt. Am ehesten an The National erinnert wohl das durch die Vocals geleitete “No Time to Crank the Sun”, das nach drei Minuten Vorbereitung mehrstimmig der Verzweiflung selbst ein musikalisches Antlitz verpasst. Sehr stark!

Das alles funktioniert beim ersten und zweiten Hören ziemlich gut, etwas zu gut. Schnell zeigt sich die Kehrseite des eingängigen und kurzweiligen Konzepts. Der Überraschungsmoment und der Spaß an den vielfältigen Melodien geht nach mehrmaligem Hören ungewohnt schnell verloren und man ertappt sich bei vielen Songs dabei zu sagen: “Das hab ich zu oft gehört, skip!”

Dass das Meckern auf hohem Niveau ist, sollte klar sein, denn mit Return to the Moon sind El VY ihren Erwartungen als Supergroup definitiv gerecht geworden. Innovativ verschmelzen die beiden Musiker ihr Können und kreieren so etwas Neues, das auch für eine größere Zielgruppe einfacher zu fassen ist. Songs wie “Return to the Moon (Political Song for Didi Bloome to Sing, with Crescendo)” und “I’m The Man To Be” – übrigens jeweils mit großartigem Musikvideo von Matt Berningers Bruder Tom – schaffen es dann hoffentlich auch in das Live-Programm von The National. Bis man das wieder erleben kann findet man in El VY auf jeden Fall eine gute Alternative und man darf hoffen, dass da in ein paar Jahren noch nachgelegt wird.


Label: 
4 AD
VÖ: 
30.10.2015
Herkunft: 
Cincinnati, Ohiho / Portland, Oregon (USA)