Die Höchste Eisenbahn - Wer bringt mich jetzt zu den Anderen

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

Francesco Wilking und Moritz Krämer sollten spätestens im Jahr 2016 keine Unbekannten mehr für alle Fans der deutschen Indie-Pop-Szene sein. Gegründet 2011, nannten die beiden Singer/Songwriter ihre Band "Die Höchste Eisenbahn", weil Wilking das Bild einer auf Stelzen fahrenden Eisenbahn so gut gefiel. Nicht lange blieben die beiden Wahlberliner alleine und Multiinstrumentalist Felix Weigt und Percussionist Max Schröder gesellten sich dazu. Das Debütalbum der Band "Schau in den Lauf, Hase" war 2013 ein überraschender Erfolg und wurde von Kritikern später als deutsche Singer/Songwriter-Platte des Jahres bezeichnet. Das machte das Warten auf den Nachfolger nur noch spannender. "Wer bringt mich jetzt zu den Anderen", das zweite Album der Band, sollte eigentlich schon 2015 erscheinen. Im eigenen Studio aufgenommen, ohne Produzenten und mit 13 Songs, an denen alle vier Musiker zusammen geschrieben hatten, erschien das Album aber dann doch erst ein Jahr später. Die Verzögerung sei jedoch entschuldigt, denn Die Höchste Eisenbahn legen mit "Wer bringt mich jetzt zu den Anderen" ein Album hin, das mit seinem originellen Indie-Pop-Klang, angereichert mit etwas Melancholie und Kitsch, zum Schwelgen einlädt.

Schwungvoll geht es mit der ersten Nummer "Wir haben so lange nachgedacht bis wir wütend waren" los und beim Klang der Synthies kommen einem unwiderruflich die Worte "La Boum, die Fete geht weiter!" in den Kopf – ein musikalischer Senkrechtstarter. Wortwörtlich liebevoll geht es in der Singleauskopplung "Lisbeth" weiter. Zunächst noch etwas zaghaft, wie auch die erste Liebe, entwickelt sich dieser Song und lässt nach und nach die breite Instrumentierung von Orgeln, Flöten und ein paar Synthies zur Entfaltung. Mit dem typischen, leicht nuscheligen Gesang bekommt Lisbeth hier eine süße Liebeserklärung, bei der sie verbotenerweise rot wird. Über Louie, der nicht versteht, warum seine Freundin so rastlos ist ("Gierig"), lernt man in "Timmy" einen Typ kennen, der die Welt regiert, von dem man aber nicht wissen möchte, was für einen Weg er gegangen ist. Musikalisch wird diese Kurzgeschichte durch entspannte, afrikanisch-angehauchte Rhythmen begleitet und man merkt, dass Francesco Wilking ganz genau weiß, was er da tut, denn wohl kaum ein anderer kann das Wort "Ethanol" so schön singen wie er.

Der Titeltrack handelt dann davon, dass das Warten auf den oder die Richtige auch dazu führen kann, den Anschluss zu verlieren. Streicher, Trompete, Drums, Bass, Gitarre und Chorgesang fügen sich perfekt zusammen und erzeugen einen herzerwärmenden Gesamtklang. Hier wäre es dann wohl an der Zeit, das Feuerzeug herauszuholen und es von links nach rechts zu wedeln - ein bisschen Kitsch darf schon mal sein. Leichter und weniger romantisch folgen die Songs "Nicht atmen" und die "Gute[n] Leute", deren Ausflug mit einer Fahrt zur Ausnüchterungszelle endet. Poppig wird es nochmal in "Stern" und "Blume". Ersterer beginnt mit einem wirren Orchesterspiel, das durch einen galaktisch-ähnlichen Sound der Synthies unterbrochen wird. Knapp sechs kurzweilige Minuten folgen, in denen man Wilkings und Krämers harmonischen Gesang mit den Worten "Wie ein Stern der seine Richtung nicht kennt, gerade aus bis er am Himmel verbrennt" lauschen kann. In "Blume" geht es erneut um die Liebe, dieses Mal aber um eine erwachende. Mit verspielter Gitarre und Chorgesang werden die Zeilen "Unsere Liebe wird aufgehen wie eine Blume" in die Welt hinaus getragen. Und auch die gute Laune bahnt sich ihren Weg - wie die Samen einer Pusteblume in der Luft.

"Wer bringt mich jetzt zu den Anderen" ist voll von netten Kurzgeschichten, griffigen Melodien und einer, wenn auch eher etwas verspielten, Melancholie. Der Gesang und die Instrumente stehen gleichberechtigt nebeneinander und Ohrwürmer sind bei diesem Album vorprogrammiert. Es ist, als hätte Die Höchste Eisenbahn gewusst, dass der Sommer nochmal für ein paar Tage nach Deutschland zurückkehrt und der passende luftig-leichte Soundtrack dazu noch fehlte – danke dafür!


Label: 
Tapete Records
VÖ: 
26.08.2016
Herkunft: 
Berlin, Deutschland