Destroyer – Poison Season

Rezensiert von Manon Hütter

Jesus is beside himself, Jacob’s in a state of decimation sind die ersten Worte, die einem der Mann mit sehnsuchtsvoller Sentimentalität entgegenhaucht, der noch 2011 im Musikvideo zu seinem Hit “Kaputt” einen an einen Luftballon gebundenen Wal mit den Zugvögeln hat gen Süden fliegen lassen. Auch da schon war sein Sound durchflutet von einer gewissen Melancholie und einer unnahbaren Schwermütigkeit. Mit “Kaputt” beförderten sich Destroyer entgültig selbst ans Firmament derer Bands, welchen es gelungen ist, ein als “Meisterwerk” betiteltes Album ihr Eigen nennen zu dürfen. Denn was Anfang der 90er als Soloprojekt von Mastermind Dan Bejar begann ist inzwischen genau das: eine Band. Und das, obwohl die Besetzung gleich einem Kettenkarussel im fliegenden Wechsel rotiert – mit Bejar als einzige beständige Konstante in einer rasanten Musiklandschaft. Er bildet quasi den Fels in einer Brandung aus ständig wechselnden heranrollenden Begleitwellen.

Und obwohl ihm selbst eine gewisse Beständigkeit anhaftet, so ist sein Sound alles andere als das. Auf chameläonartige Weise schlüpft er von einem ins andere Genregewandt, weiß sich aber immer den jeweiligen Konventionen optimal anzupassen. Diese Wechsel verlaufen dabei teils so schnell und sprunghaft, dass sie einander überschatten . Sophisticated Pop, irgendwie aber auch klassische Kammermusik gemischt mit dem Hauch eines Gedanken an die Schatten einer längst vergangener Jazz Ära – das alles vereinen Destroyer auf Poison Season. Melodischer Elan in Begleitung dieser speziellen omnipräsenten Grundtraurigkeit in all ihren Facetten. So ist “Times Square” gleich ganze drei Mal in unterschiedlichen Variationen auf der Platte gelandet. Zuerst als zart gehauchte klassische Ballade mit langsam wogenden Streichern und sanft drapierten Klavierklängen, dann als dynamische saxophonlastige 70er Rock Abwandlung und im Outro wie frisch einem Broadway Musical entsprungen. Städte sind sowieso wieder ein beliebtes Thema, was Zeilen wie escape from New York (“The River”) und Songs wie “Bangkok” beweisen.

Masteringtechnisch ist man inzwischen weit ab vom Lo-Fi Sound der Anfangsjahre und präsentiert die modern getarnte orchestrale Klassik mit nahtlosen String Arrangements und bis ins Detail ausgearbeiteten kristallklaren hi-fi Horn und Trompeten Soli. Gerade diese Komposition aus Streich und Blechblas-Elementen erweckt den Eindruck, dass der alte Destroyer Sound aufs Grundgerüst abgebaut wurde und die einzelnen Elemente wahllos und teils scheinbar unpassend in mühevoller Kleinstarbeit wieder angetackert wurden, um einen vor einem herrlich desorientierenden Kunstwerk zurückzulassen. “Hell” repräsentiert in dem Fall sehr gut stellvertretend die gesamte instrumentierungstechnische Bandbreite des Albums und besticht durch  immer weiter ansteigenden Tempowechsel. Das wahnsinnig traurige “Girl In A Sling” wartet noch mit ein paar Flötentönen und “Forces From Above” mit mysteriös angehauchten Bongos auf. Während man da noch irgendwo zwischen dem Großen Gatsby im Jazz-Klang der goldenen 20er schwelgt sorgt “Midnight Meet The Rain” mit etwas geschrabbelten Gitarren dafür, dass man sich in einem semi-stilvollen Schmuddelklub der frühen 80er wähnt, der versucht sich vehemment dem verlockenden Ruf der Synthie-Großraumdisko zu entziehen und noch auf klassischen Rock setzt.

Auch setzen Dan Bejar & Co auf Tradition und borgen nach Zufallsprinzip weiter eifrig bei anderen Künstlern. Bei der aufwühlenden Uptempo-Nummer und Singleauskopplung “Dream Lover” bedient man sich echomäßig bei The Boo Radleys Hit “Wake Up Boo!”, zerstückelt das ganze etwas und setzt es als Garnierkirsche auf die Eigenkomposition. Lyrikmäßig beiweist man mit Zeilen wie ah shit here comes the sun das einzigartige Talent selbst solche Zeilen noch cineastisch nach abstrakter Liebespoesie klingen zu lassen – und das man früher eifrig Beatles gehört hat.

Definitiv ein Album, das bewusst gehört werden muss und gerade schon wegen der lyrischen Texte ein erhöhtes Tribut an Aufmerksamkeit fordert. Strebertum wird in diesem Fall mehr als belohnt, denn cooles Nerd-Dasein, das können Destroyer – trotz verklärter Romantik und der schmalen Gradwanderung zwischen modernem Bardentum und schnulziger Überzogenheit hinter einem verschmitzen Lächeln.


Label: 
Dead Ocean
VÖ: 
28.08.2015
Herkunft: 
Vancouver, Kanada