David Bowie – ★

Rezensiert von Manon Hütter

Kurz nach seinem 69. Geburtstag und der Albumveröffentlichung des neuen Albums ist David gestorben.
Die Entscheidung, “★” als Album der Woche zu führen, fiel natürlich schon lange vor heute früh – dass dieses Album nun aber unter dieser Überschrift hochgelobt wird, hatte sich niemand gewünscht. Dennoch soll dieses wunderbar düstere und stimmungsvolle Album besprochen werden.
Sören Heuer für die Redaktion.

Von musikalischer Neuerfindung zu sprechen, ist ja immer ein eher wankendes Gerüst, dessen sich nichtsdestotrotz nur allzu gern bedient wird. So klischeeartig es auch sein mag, auf Bowie trifft diese durchaus zu. Hat er sich doch auf inzwischen 25 Alben des Öfteren chamäleonartig selbst reinkarniert. Und das als jemand, von dem man jedes Mal dachte, er habe schon alles probiert.

In dem Fall hat man sich das Modern Jazz Quartett um Saxophonist Donny McCaslin aus der 55 Bar geangelt, und dem dann allen Anschein nach an der langen Leine expressionistische Narrenfreiheit gewährt. Kometenhaft einschlagende ekstatische Saxophon-Soli an einem Synthie-Firmament, mit blitzartig zuckenden Rhythmen, bestimmen im großen Stil den Sound des Albums. Die unkonventionellen Drums hängen entweder hinterher oder preschen in nervösen 16- und 32tel vorweg und laufen dabei stets gegen den Takt.

“Viel hilft viel” – das Motto vieler Musiker, die dann grandios an einem Jenga-Turm aus Soundspuren scheitern. Beim heimlichen Stammvater dieses Konstrukts geht das Konzept aber nach wie vor auf. Verschrobene Disharmonie wie bei “‘Tis A Pitty She’s A Whore” und dem spacigen “Sue (Or In A Season Of Crime)” – übrigens beide Re-recordings früherer Release – wechseln zu kathartisch melodischen Passagen und befreienden Intermezzos im sonst sehr avantgardistischen Soundbett. Während Ersterer das Saxophon bis zum Maximum quält, warten “Dollar Days” und das Outro mit sehnsuchtsvollen und wehleideigen Passagen auf.

Sehnsucht und Schwermut sind sowieso die prägnanten Motive, auf diesem doch sehr düsteren “Soundtrack der brilliant dargestellten Gestörtheit”. Schon der Opener “Blackstar” – ein 9:57 minütiger Epos von Song – wirft einen mitten in eine düstere Songlandschaft, in der Bowie fahneschwenkend seinem eigenen Geist Leben einhaucht. Auf tragische Art und Weise schön, dabei aber auch irgendwie okkultistisch verstörend. “Lazarus, die zweite Vorab-Veröffentlichung, ist da mit ihrem sanften, minimalistisch gehaltenen Drum-Bett und den fließenden Bassläufen wesentlich ausdifferenzierter.
Was die Lyrics betrifft, so wurden diese wieder durch den Textgenerator gejagt, um auf gar keinen Fall langweilige lineare Plots zu haben. Darüber hinaus hagelt es haufenweise Referenzen. So ist “‘Tis A Pitty She’s A Whore” einem Inzestdrama aus dem 17. Jahrhundert nachempfunden und “Girl Loves Me”bedient sich einem Fantasie-Slang aus Clockwork Orange.

Der neueste Streich des Altmeisters ist intelligenter, jazziger Prog-Rock mit halluzinogener Wirkung, weit weg vom einstmaligen Pop. Oder die Definition dessen was Pop ist, ist inzwischen viel zu weit weg von der Definition dessen, was David Bowie verkörpert. Definitiv ist Blackstar der breiten Masse eher unzugänglich, dafür ist die Platte viel zu fordernd, gewagt und experimentell. Aber Konformität war ja sowieso noch nie Bowies Ziel und klassisches Songwriting ihm ein Graus. Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegt sich Blackstar irgendwo auf dem schmalen Grad zwischen Genie und Wahnsinn.


Label: 
Sony Music
VÖ: 
08.01.2016
Herkunft: 
London, England