D. D. Dumbo - Utopia Defeated

Rezensiert von Manon Hütter

Oliver Hugh Perry, aka D.D. Dumbo, residiert im idyllischen 7.000-Einwohner-Kaff Castlemaine, etwas außerhalb von Melbourne. Wie so viele Opfer der Vorort-Ödnis verzeichnet er, mangels Alternative, Schlafzimmer-Jam Sessions zu seinen präferierten Hobbys. Genau da nimmt er auch 2013 die EP "Tropical Oceans" in alteingesessener Lo-Fi-Manier auf und tritt ab und an in Hinterhöfen auf. Allein versteht sich, denn Perry ist einer dieser perfektionistischen Frickler, die sich nicht gerne darum streiten, wie viel Salz nun in die Suppe kommt. Live besteht die Komposition deswegen schlichtweg aus zwölfsaitiger Gitarre, Drums und einem Loop-Pedal als soundtechnischem Hauptakteur. Wer nun aber beim Debüt auf diesen klassischen, dezent angerauten Bedroom-Session-Sound mit DIY-Charakter setzt, der wartet vergebens.

"Utopia Defeated" ist ein flirrender Hybrid aus Genres und definitiv nicht aus dem Loop-Baukasten, sondern ein organisches Multitrack-Arrangement. Statt Backing-Tracks zu benutzen, hat Perry diverse Instrumente wie Klarinette, Keyboard, Flöte, Gitarre und Trompete einzeln eingespielt und die Spuren in Tüfftlermanier abgemixt. Einzig 4AD-Haus-und Hofingenieur Fabian Prynn durfte hier und da Percussions beisteuern. Entstanden ist dabei eine wilde Fusion aus funky Blues-Gitarren, Prog-Elementen und dekonstruiertem 80er-Pop mit exotischer Instrumentierung. Neben Harfe, Xylophon, Fagott und Baglamas erzeugen auf "Cortisol" Panflöten die Illusion indigener Volksmusik, während "Brothers" sakrale Chöre und das Tuba Interlude auf "Satan" eine ganz andere Geschichte erzählen.

Überlagert und garniert mit einer wahnwitzigen Portion Groove-Attitüde erzählt durch teils traditionell afrikanisch und südamerikanische Rhythmen. Wobei die Drums jedoch nicht unbedingt den Rahmen vorgeben, in welchem sich Vocals und Riffs zu bewegen haben, sondern vielmehr um diese herumwabern und auch gerne mal entgegen der vorgegebenen Marschrichtung laufen. So entsteht kaum eine fassbare Struktur, zusätzlich gestützt von Perrys kontrollierten Vocals, die jedoch teils weggenuschelt, als weiteres Instrument fungieren, und nur in selten Momenten sein volles Stimmspektrum offenlegen ("Oyster").

Inhaltlich ist er sowieso Verfechter verworrener Lyrik, mit surrealen Texten und selbstbetitelten "food references". Sei das nun bei Songtiteln oder in teils unsinnigen oder sozialkritischen Lines wie "Does he drown in a pool of caviar?" ("Oyster"), bis hin zu kompletten Fantasiewörtern wie der Loop-Nummer "Alihukew". Auf "King Franco Picasso" probiert er sich dagegen am Effekte-Rack, während die heftigen Kick-Drums einem Hip-Hop-Track gleichen und das Ganze inhaltlich eine Abhandlung mit Picassos Werk "Traum und Lüge Francos" darstellt.

Neben skurrilen Lyrics über Ufos, Walrosse und spanische Diktatoren sind es vor allem rasche Tempowechsel wie bei "Satan" oder dem asiatisch anmutenden Klangschalen-Epos "Cortisol", welche Perrys Sound definieren. Einzig die Bon Iver-inspirierte Folk-Ballade "In The Water" und die Piano-Dream-Pop-Hymne "Toxic City" stellen kleine Ruhemomente in dem von Perry grandios inszenierten Instrumentenreigen dar - letztere mit ihren monoton stampfenden Rainstick-Beats.

D.D. Dumbo zelebriert auf seinem Debüt das Chaos gegenüber der Konvention. Mit schnellen Afro-Beats, funky Gitarrenriffs und exotischer Instrumentierung auf einer Basis des frühen Blues. Strukturen auflöst, Tracks quasi in Baupakete zerlegt und sie entgegen der vorgegebenen Ikea-Anleitung wieder zusammenschraubt. Und selbst wenn es den ein oder anderen überfordern mag: Manchmal braucht es einen fanatischen Perfektionisten, um die Schönheit des Unperfekten zutage zu fördern.


Label: 
4AD
VÖ: 
11.11.2016
Herkunft: 
Castlemaine, Australien