Clock Opera - Venn

Rezensiert von Manon Hütter

Verlust, Trauer und Wehmut wirbeln oft in endlosen Kreisen umeinander und sind so imstande, einen tiefschwarzen Sog in die verwinkelten Ecken des eigenen Geistes zu kreieren - gefangen im Dasein sozusagen. In den schattigen Abgründen der menschlichen Emotion, am Quell der Verletzlichkeit, setzt "Venn" an, auf der rasanten und scharfkantigen Suche nach einer breit-deltrigen Mündung, in die all die angestaute Trauer entladen werden kann.

Wo auf dem Vorgänger "Ways To Forget" noch ein farbenfroher Dschungel voll fröhlicher Synthloops war, ist auf dem neuen Album nur noch eine karge Steinwüste, die düster aber traurig schön im kalten Mondlicht erstrahlt. Geprägt von einer Fehlgeburt und ihren seelischen Folgen, bezeichnen Guy Conelly & Co. schon im Opener "In Memory" einen Zustand zwischen Wachen und Träumen. Sphärisch dunkle Synths und Falsett Vocals schaffen eine tieftraurige Ästhetik, die sich mit stringenten Tempoanzug zum Ende hin in einen blassen Hoffnungsschimmer verwandelt.

Sowieso steht Conellys Altstimme erstmals fast nackt und ohne sich hinter der Instrumentierung verstecken zu können da. Passagenweise einzig durch minimalistische Electronica gestützt, die eine glatte kalte Stille imitieren. Somit steht Conelly allein und schutzlos in einem Kopfpalast aus Glas, der jegliche Emotion nach außen hin offen legt, und singt gegen die Stille an. Solange bis der hohe Falsett die dünnen Glaswände zum Platzen bringt und die Band ihn wie auf "Cat's Eyes" und der Singleauskopplung "Whippoorwill" auffängt. Um stattdessen starke Betonwände aus Gitarre und Synths zu erschaffen.

"Closer" ist hingegen durch vermehrten Gebrauch von verzerrten Gitarrenriffs und fliegende Wechsel eher rockig und schafft dadurch trotz Lyrics wie "let's go to war" und marsch-ähnlich stampfenden Synthies ein bizarr poppiges Universum. Augenscheinlich fröhlich ist das Ganze eine Abhandlung von Beziehungskrieg in den eigenen vier Wänden. Weniger persönlich, dafür aber politisch ist das vom Foto des tanzenden OccupyGezi-Demonstranten inspirierte "Dervish". Arabisch anmutende Klänge erinnern an flirrend heiße Wüstenluft und erschaffen so einen halluzinogenen wütenden Fiebertraum, bei dem man meint, tatsächlich einen mit Gasmaske verschleierten Derwisch durch die Straßen fegen zu sehen. Und gerade "Dervish" erweckt durch das Zwischenspiel von Vocals und Instrumentierung tatsächlich den Eindruck eines kleinen Opernstücks. Auch die Tatsache, dass Guy Conelly die Sample-Schule mehr als lange besucht hat, wird nicht durch die düstere Dramaturgie von "Venn" verschleiert, sondern kommt durch Tracks wie "Changeling" und das dazugehörige Up-Tempo-modifizierte Glockenläut-Sample zutage.

Obwohl Clock Opera kein Soloprojekt mehr ist, so ist Connely doch soundprägendes Mastermind da, wo organischer Elektro und Bandaufstellung aufeinandertreffen. Auf "Venn" ist das ein sehr dunkler Ort des Trübsals, der Inspiration für eine Mini-Oper voll tickender Elemente bietet - im Taschenuhrformat. Eine sehr gut und glatt produzierte Oper, wenn auch im Fall von "Whippoorwill" vielleicht schon zu perfektionistisch und klar.

Das Album ist quasi eine albumlange, melanchonischere und zugleich poppigere Version von Everything Everythings "The House Is Dust" - und außerdem voll von Erkenntnissen. Wie zum Beispiel, dass es sich mit "Venn" und dem Leben im Allgemeinen so verhält, wie mit den Samples und Connelys Songwriting: Egal wie zerstückelt die verschiedenen Einzelteile sind, mit viel Arbeit und investierter Zeit ergeben sie doch irgendwann wieder ein ganzes Bild. Nicht dasselbe wie vor der Zerstörung, aber eins, das umso facettenreicher ist.


Label: 
League Of Imaginary Nations / !K7
VÖ: 
10.02.17
Herkunft: 
London, Großbritannien
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