City And Colour – If I Should To Go Before You

Rezensiert von Steffen Jöne

Betrachtet man Dallas Green, einen bis zum Hals tätowierten Mann mit Drei-Tage-Bart, passt seine Vergangenheit als Gitarrist und Sänger der Post-Hardcore-Band Alexisonfire wohl ganz gut zu seinem Erscheinungsbild. Dass er allerdings auch andere Töne anschlagen kann, beweist er mit seinem Singer/Songwriter Projekt City and Colour, das der Kanadier 2005 ins Leben gerufen hat. War das Debütalbum “Sometimes” (2005) eindeutig noch ein Singer/Songwriter Album, entwickelte sich Dallas Green bis zu seinem letzten Album “The Hurry And The Harm” (2013) hin zum Indie. Diese Weiterentwicklung setzt sich auch auf dem neuen Album “If I Should Go Before You” fort.
Es ist das erste Album, das zusammen mit seiner Liveband eingespielt wurde. Dallas Green war von der Zusammenarbeit angetan: “They inspired me to want to create new music, just to create it with them […]“. Die ‘neue Musik‘, wie sie Green nennt, ist nicht mehr so minimalistisch wie auf den vorherigen Alben.

Die akustische Gitarre des Singer/Songwriters wird von elektronischen Gitarren, Bass und Schlagzeug unterstützt. Die ‘neue Musik‘ wird direkt im Opener “Woman” deutlich. Verzerrte Gitarren, wachsende Bass- und Schlagzeugelemente machen diesen neunminütigen Song zu einem Epos. Die verzerrten Gitarren lassen sich ebenso in “Mizzy C” oder “Runaway” wiederfinden. Letzterer besticht zudem durch lebhafte Drums. Das Album zeichnet sich durch antreibende Rhythmen aus, wie sie in “Northern Star”, “Wasted Love”, “Friends” und “Map Of The World” zu hören sind. Bei diesen Liedern kann man schon vielmehr von Rockmusik sprechen, da es sich nicht mehr um schlichte Arrangements handelt und Green von verschiedenen Instrumenten begleitet wird. Den Singer/Songwriter Dallas Green findet man auf “If I Should Go Before You” jedoch weiterhin.

Beim Titelsong des Albums ist der Aufbau zwar üppiger, allerdings steht die gefühlvolle Stimme Greens im Vordergrund. Auf gleiche Weise funktionieren Lieder wie “Killing Time” und “Lover Come Back”. Die Songs sind nicht mehr so puristisch, wie auf den früheren Album, bringen dabei dennoch den typischen City and Colour Sound rüber, der vor allem durch die bestechende Stimme von Dallas Green und seine melodischen Gesangslinien erzeugt wird. Am ehesten sticht “Blood”, der letzte Song des Albums, heraus. Typische Singer/Songwriter Stimmung mit einer simplen Akustikgitarre und leichten Pianoklängen. Hier kommt Dallas Green seinen Folkwurzeln am nächsten.

Textlich reiht sich das Album nahtlos an frühere City and Colour Alben an. Die Lieder handeln von Liebe, schmerzenden Beichten und Vergänglichkeit (was sich schon beim Titel des Albums zeigt). “If I Should Go Before You” ist eine Ode an die immerwährende Liebe. “It’s about the idea of loving someone so much you want them to move on if you were to go, but loving them so much you wouldn’t want to if they did.”, sagte Green in einem Interview.

Thematisch behandelt das Album die Unvergänglichkeit der Liebe eines Paares. So singt Green zum Beispiel in “Woman”: “My love is never ending […] / but you are the one I adore“. In jedem der elf Lieder bringt Green inbrünstig tiefe Gefühle zum Vorschein. So heißt es in “Wasted Love”: “Careless love / there’s more to say than should be said / can’t get these words straight in my head / you make me feel so powerless“. Und egal wie verschwendet eine Liebe auch sein mag, irgendwann will man die Liebe zurück (“Lover Come Back”). Textlich erzählt das Album damit fast eine Liebesgeschichte.

Dallas Green hat mit seinem fünften Album “If I Should Go Before You” ein kraftvolles und atmosphärisches Album geschaffen. Die erste Hälfte ist von berauschender Dunkelheit geprägt, die von stoßenden Balladen und starken Empfindungen getragen wird. Die düsteren Balladen sind zwar melancholisch, aber zu keiner Zeit überzogen oder kitschig – Green lamentiert nicht, sondern erzählt. Die zweite Hälfte des Albums, ab “Runaway”, besticht durch fröhlichere Töne. Dadurch entsteht eine emotionale Balance. Genauso besteht eine Balance zwischen Livesounds, durch das Mitwirken seiner Liveband, und der Magie des Studios. Intime und vertrauliche Töne vermischen sich mit weitläufigen Sounds. Das alles wird von Dallas Greens Stimme zusammengehalten. Er selbst sagte zu dem Album: “You can steal it, stream it or even buy it! Just try to enjoy it. I know I do“. – und genau das sollte man das Album, einfach genießen.

Alle Zitate sind von der offiziellen City And Colour Homepage.


Label: 
Caroline
VÖ: 
09.10.2015
Herkunft: 
St. Catharines, Ontario (Kanada)