Carnival Youth – No Clouds Allowed

Rezensiert von Manon Hütter

Lettland – wo war das noch gleich? Achja das Land irgendwo neben Schweden oder? Nein, man kann bei Weitem nicht behaupten, dass Lettland das popmusikalische Zentrum der Macht darstellt. Aber warum eigentlich nicht? Denn spätestens seit 2012 sollte man diese klirrend kalte, baltische Nation auf dem Echolot haben. In dem Jahr gründete sich nämlich das Bandquartett um die Brüder Emils und Edgars Kaupers im hauptstädtischen Riga. Die restliche Addition zur Band – Aleksis und Roberts – sind Schulfreunde, welche postwendend mit an Bord des Indie-Pop/Neo-Folk –Flaggschiffs geholt wurden.

Carnival Youth schaffen es nämlich auf einzigartige Weise eben jene Musikstile so gekonnt zu vereinen, dass sie sich quasi ihr eigenes Genre schaffen – eine metaphysische Ebene auf der sie in absoluter Alleinherrschaft regieren. Stilistisch setzen sie sich dabei keine Grenzen und scheuen auch nicht davor, die ein oder andere Genremauer fröhlich mit dem Hämmerchen zu zerkloppen oder einfach mal lockerflockig zu überspringen. Sie zeigen sich experimentierfreudig und fusionieren eifrig die Ästhetik des traditionsgebundenen Folks mit Elementen des modernen Pop und Synthie. Gleichzeitig bewegen sich die lettischen Jungs aber immer im Rahmen des Möglichen ohne in die Falle des Prog-Mechanismus zu tappen. Die Formel: Keine do’s und don’ts beim Songwriting + kantige aber dennoch träumerische Lyrics, die von der Leichtigkeit des Seins erzählen = fröhlicher Indie-Pop, der auch aus der Hochburg vom britischen Eiland stammen könnte.

Eine Erfolgsformel, wie sich rausstellt. 2014 konnten sie beim Showcase Festival “The Great Escape” Publikum und Kritiker in ihren Bann ziehen. Danach gings zum Sziget nach Ungarn und es folgte auch schon die erste EP “Never Have Enough”.
Mit dem gleichnamigen Track legt auch das Debüt-Album “No Clouds Allowed” einen grandiosen Start hin, der fröhlich wie ein Bächlein dahinplätschert und der Strömung entsprechend mal mehr oder weniger Fahrt aufnimmt. Vom fast absoluten Stillstand zum reißenden Strom nimmt “Never Have Enough” jede noch so kleine Biegung mit.
Ähnliche Tempowechsel, wenn auch mit deutlicherer Fuß-überm-Gaspedal-Attitüde, lassen sich im heimlichen Hit des Albums “Octopus” ausmachen. Der beginnt mit flotten Schellen und erinnert dadurch entfernt an eine winterliche Fahrt im Pferdeschlitten durch lettische Hochlande. Kurzzeitig wird das Tempo wieder deutlich rausgenommen und trotzdem bleibt da immer dieser treibend gängige Rhythmus der dem Song einfach keine Ruhe gönnt und durchgehend drängend nach vorne preschen will. Poprhythmisch gesehen könnte man es hier auch mit Franz Ferdinand zu tun haben, wäre da nicht diese schelmhafte Leichtigkeit, die aber doch gleichzeitig so kraftvoll ist, dass sie wie ein Oktopus ihre Tentakeln im Kopf verankert und den Musiknerv einfach nicht mehr freigibt.

Deutlich nachdenklicher und zurückgenommener kommen dagegen “Traffic Lights” und “Brown Eyes And All The Rest” daher. Während “Traffic Lights” noch gedankenverloren vor sich hindümpelt, besticht letzterer durch seine verschrobene Verträumtheit und baut sich nach und nach zu einem kräftigen Crescendo auf. Hier beweisen Carnival Youth wieder, dass sie sich auf das Spiel zwischen Musik und Wort verstehen. Die nachdenklichen Lyrics über stürmische Zeiten in einer Beziehung reflektieren die Musik und andersrum.

Stilistisch ähnlich aufgebaut sind “Seasons” und “Moonboy”, wobei das Synthie-Klangspiel-Intro von letzerem auch aus Sizarrs Feder stammen könnte. Im Main Part folgen hingehauene Gitarrenbretter und dumpfe Drums, hier und da durchbrochen von wabernden Synthies, die immer wieder mal aufblitzen und Traumatmosphäre zaubern – kleine Brüche in einem doch sonst eher düsteren Song.
“Seasons” fängt ebenfalls bedacht und ruhig – ja fast schon traurig – an. Man leidet mit dem lyrischen Ich mit, welches fortwährend die Jahreszeiten miterlebt und selber aber an Ort und Stelle gefangen ist. Zurecht stellt man sich die Frage: “Warum ändern sich die Jahreszeiten und ich hänge immer noch hier fest?”. Nach hinten baut sich “Seasons” immer weiter auf um dann der Frustration im Percussion-Gewand freien Lauf zu lassen.

Aber Carnival Youth wären nicht Carnival Youth würde auf so viel Nachdenklichkeit nicht wieder eine fröhliche Gute-Laune-Nummer folgen. Und zwar in Form von “Words Like Birds” eine, die sich gewaschen hat! Die Ohrwurm-Garantie wartet mit einem mystisch angehauchten Intro auf und recht schnell kristallisiert sich der eingängige Refrain gegen die gedergelten Gitarren und harten Rhythmen heraus. 100% Hitlastigkeit garantiert.
Ganz viel Gitarre gibt es auch in “See The World”, wo man neben einigen Riffs auch ein schniekes Gitarrensolo eingebaut hat. Darauf abgestimmt wird ein stimmlicher Kurzausflug in den guten alten Grunge gemacht, wenngleich der auch nicht sonderlich authentisch rüberkommt. Alles in allem aber doch eine fröhliche Indie-Folk Nummer.
Zum krönenden Abschluss des Albums hauen Carnival Youth mit “Akmentini” noch ein Überraschungspaket in Landessprache raus, welches zuckersüß die Indie-partylastigkeit des Albums mit der leichten Melancholie und Schwerelosigkeit lettischer Landschaften verbindet.

Letztendlich spielen Carnival Youth, obwohl sie Vorsprünge in neue Gefilde wagen, nicht gerade musikalisches Tetris – man bleibt dem Indie-Pop treu. Trotzdem stehen sie musikalisch zurecht auf der Schlossallee, denn mit ihrem feinen Sinn für Spielerei schaffen sie es, im dicht besiedelten Indie-Jungle doch durch eine eigene Handschrift hervorzustechen. Titelmäßig halten sie dabei den Balanceakt zwischen nordländischer Nostalgie und unvorhergesehenen euphorischen Schüben. Die immergute Kombi aus eingestreuten Synthies, Drums und großartigen Harmonien erinnert entfernt an eine Mischung aus Noah And The Whale, We Invented Paris und Bombay Bicycle Club.
Wer jetzt ein musikarchitektonisches Wunderwerk erwartet wird von Carnival Youth definitiv enttäuscht sein. Es ist was es ist: Gute-Laune Pop! Mit schlichten schönen Lyrics die nicht plakativ sind, einfachen Akkorden und fröhlichen Pitches.
Fest steht Indie-Discos müssen sich erstmal keine Sorgen um die Playlist machen – Carnival Youth steuert gleich ganze 11 Songs bei!


Label: 
Popup-Records
VÖ: 
13.02.2015
Herkunft: 
Riga, Lettland