Bon Iver - 22, A Million

Rezensiert von Sophia Kisfeld

"22, A Million" ist beim ersten Hören, beim ersten Sehen der Videos, beim ersten Versuch, die Texte zu lesen vielleicht überfordernd. Vielleicht steigt man auch gar nicht durch, man sollte es jedoch versuchen. Das dritte Studioalbum von Bon Iver, der Band um Justin Vernon, ist die logische Weiterentwicklung der vorherigen musikalischen Geschichte. Sie bringt Bürden mit sich, anders als zuvor bei Bon Iver. Sie ist extremer in ihren Reizen, doch damit fühlt es sich so an, als würde man nur vorangetragen, auf die nächste musikalische Stufe.

Nach "For Emma, Forever Ago" (2007) und "Bon Iver, Bon Iver" (2011) ist "22, A Million" nun das dritte Album. Die Alben zeigen jedes für sich eine Entwicklung auf. Obwohl Vernon die Instrumente selbst einspielte, so gestalteten sich seine Live-Auftritte mit einer größer-werdenden Band. Außerdem hat er seit 2011 unter anderem mit Künstlern wie James Blake, Kanye West oder Francis and the Lights zusammengearbeitet. Auch diese Kollaborationen beeinflussten seine aktuelle Arbeit auf "22, A Million" deutlich.

Eigentlich wird keiner der Bon Iver-Fans aus der Vergangenheit liegen gelassen, eher wird er an seine Grenzen gebracht. Der Indie-/Folk-Hörer freut sich bei Songs wie "29 #Stafford APTS" oder "666 ʇ": Sie sind reduziert in ihrer Instrumentierung und Experimentierfreudigkeit. Dennoch irritiert es immer wieder, wenn bei den Worten "I hold the note / you wrote and know / you've buried all your alimony butterflies" ("29 #Stafford APTS") die Stimme bricht, da es so klingt, als sei das Mikrophon übersteuert - und dem wird auch so sein, Justin Vernon macht es nur eben nicht zufällig, sondern bewusst.

Es sind neben diesen beiden Stücken, auch die Titel "33 "GOD"" oder "22 (OVER S∞∞N)", die Vernons Händchen für Melodien beweisen. Er arbeitet mit Harmonien, in die man sich recht schnell einfinden kann. In "33 "GOD"" zum Beispiel angeschlagen über das reine, unumwandelte Klavier. Er nutzt hier zusätzlich einen Sample von Paolo Nutinis "Iron Sky": "We find God and religions", es wird verwandelt in, "I find God / I find religion". Zusätzlich wird der Song ergänzt durch sphärische elektronische Echos im Hintergrund. Während die Melodie in "22 (OVER S∞∞N)" eher durch seine Stimme geschaffen wird und die Hintergrundgeräusche eine Kulisse schaffen. Es ist wie ein kleines Hörspiel, in dem er eine Geschichte erzählen und das Album eröffnen will.

Es ist schwer zu fassen, was auf "22, A Million" elektronisch experimentiert wird. Zum einen sind es ebendiese schwebenden, ergänzenden Klänge, die die Melodien und Songs umgeben. Zum anderen ist es auch die starke Verzerrung der Stimme, die man in diesem Extrem noch nicht von Bon Iver kannte. Er arbeitet in vielen Songs mit Autotune, was eine ganz artifizielle Stimme und auch Stimmung produziert. "715 - CRΣΣKS" kommt beisielsweise beinahe a cappella daher, aber eben nicht seine reine Stimme, sondern die verzerrte - und hier ist die Arbeitsweise Kanye Wests wieder zu finden.
"21 M♢♢N WATER" wird insgesamt von einem elektronische, sphärischen Klangteppich untermalt. In diesem Fall dienen die klassischen Instrumente, wie zum Beispiel das Saxophon, und seine Stimme eher als Akzentuierung des Stücks und nicht anders herum. "____45_____" und die Einstiegszeilen "Well I been carved in fire / Well I been caught in fire" brechen die Lanze zu James Blake und deren Kollaboration auf "I need a Forest Fire", zunächst vielleicht nur textlich, je mehr man sich mit den beiden Künstlern auseinandersetzt, desto mehr fällt jedoch auf, dass auch James Blake in manchen Fällen sehr reduziert mit Klängen umgeht.

Musikalisch ist es eine Vielfalt, die sich an göttliche Ebenen wendet. Nicht Bon Iver als den Göttlichen, sondern die Vielfalt der Motive und Elemente auf seinem Cover, in den Songtiteln oder im Booklet. Dem Lied "33 "GOD"" wird auch der Psalm 22 beigesetzt "Why are you so FAR from saving me". Die Seite zu "666 ʇ" des sonst eher gelb-pastelligen Booklets ist grau, "715 - CRΣΣKS" wird geschmückt von einem kleinen Bogen mit der Aufschrift "Deus Ex Messina". Hinzu kommt immer wieder eine abgewandelte Form des Yin und Yangs, der Springer aus dem Schachspiel, eine Säule mit arabischen Schriftzeichen oder ein brennender Gehstock. Zeichen, die viel Raum zur Interpretation lassen.

Es ist, als kämen die Texte aus der Vergangenheit und der Hörer oder Leser könne nun versuchen, das Rätsel zu lösen. Er wird aber Hinweise brauchen, die er sich erarbeiten muss. Nicht nur die Ohren scheinen bei "22, A Million" überfordert zu sein, sondern auch die Augen. Dementsprechend braucht das Album Zeit. Doch wenn man diese investiert, dann findet man die vielen verschiedenen Aspekte, die einem schon vorher an Bon Iver gefallen haben. Gleichzeitig kann man sein Hörverhalten öffnen, immer wieder Neues entdecken und vielleicht sogar das ein oder andere Rätsel lösen.


Label: 
Jagjaguwar
VÖ: 
30.09.2016
Herkunft: 
Fall Creek, Wisconsin, USA