alt-J – This Is All Yours

Rezensiert von Sophia Kisfeld

Die eigene Klangvielfalt zu erweitern, das scheint das Motto von alt-J zu sein. Bei ihrem Debütalbum haben sie einen ganz eigenen Sound entwickelt: elektronisch-folkloristisch mit Einflüssen aus dem Hiphop und anderen Kulturen. Mit ihrem ersten Album konnten sie bestehen und nun folgt das berühmtberüchtigte zweite Album. Kaum in Worte zu fassen, welche Verwirrung die Singleauskopplungen schon ausgelöst haben, besticht “This Is All Yours” weiterhin mit Klangvielfalt und Überraschungen, die mit dem “alten” alt-J-Sound kombiniert werden.

Nach der Trennung von Gründungsmitglied und Bassist Gwil Sainsbury sind alt-J seit diesem Jahr nur noch dreiköpfig unterwegs. Ihr Debütalbum “An Awesome Wave” hat 2012 in der Indieszene Erfolge gefeiert, vor allem mit den Singleauskopplungen “Breezeblocks” und “Tesselate”. Sie durchbrechen melancholische Stimmungen nicht nur mit durchdringenden Drumbeats, auch indische Melodien fließen mit in ihre Musik ein. Doch mit dem Nachfolger “This Is All Yours” beweisen alt-J, dass das längst nicht alles ist.

Nach der ersten Singleauskopplung “Hunger of the Pine” war klar, dass alt-J ihre dynamischen Beats weiterhin nutzen. Überraschend war vermutlich, dass sie auch vor Pop-Sängerinnen keinen Halt machen: die verzerrte Stimme von Miley Cyrus tut dem Lied dennoch keinen Abbruch. Doch das ist nicht das einzig Neue bei alt-J. Singleauskopplung Nummer zwei “Left Hand Free” treibt uns in den Blues der Vergangenheit, Joe Newmans Stimme ist trotz verzerrter Stimme noch immer zu erkennen, der instrumentale Hintergrund leitet jedoch kurzweilig in andere musikalische Bereiche. Die Krönung der Singles ist dann jedoch “Every Other Freckle”, der vielleicht dynamischste, getriebenste Song des ganzen Albums. Man fragt sich jedoch selbst: Was kann oder soll ich noch erwarten, wenn ich diese Platte nun einlege?

Im Prinzip darf man sich nicht vor Überraschungen scheuen. alt-J bleiben sich klanglich treu, dennoch brechen akustische oder stark elektronische Elemente den Klangeindruck durchgehend wieder auf. Das Intro besticht durch Akapella-Einlagen und afrikanisch inspirierte Klänge, die einen basslastigen, synthetischen Klangteppich weiter schmücken und vom treibenden Schlagzeug durchdrungen werden. Die energiegeladenen Singleauskopplungen werden umspielt von folkloristisch geprägten, ruhigeren Stücken. Wo an einigen Stellen rein akustische Musik die Aufmerksamkeit des Hörers genießt, wie das kurze Blockflöten-Zwischenspiel “Garden of England”, treibt weiter hinten auf dem Album “The Gospel of John Hurt” sein Unwesen und wirkt erst unscheinbar, bis es sich in einem rhythmusgetriebenen Ursound verliert. “Bloodflood Pt. II” lässt sowohl im Titel als auch im Klang und im Text das Vorgängeralbum noch einmal aufleben. Es ist das Spiel mit Altbekanntem und dem Eindringen von neuen Ideen, dass das Album vertraut neu wirken lässt.

Elektronik, gepaart mit Folklore, getrieben von den Drums, geschmückt mit dem Klangspiel, das wir auch von Album Nummer eins kennen und Jon Newmans bekannte Stimme – das sind die Klänge, die an alt-J erinnern und die auch hier wiederzufinden sind. Nicht anders als beim Debüt ist “This Is All Yours” ein Album, das mehrmaliges Hören benötigt. Das hat nichts damit zu tun, dass das Album nicht beim ersten Hören schon interessant klingt, es ist vielmehr die Vielschichtigkeit des Albums. Je öfter es gehört wird, desto mehr eröffnen sich die unterschiedlichen Ebenen und desto mehr Einflüsse kristallisieren sich heraus. Es ist faszinierend.


Label: 
Infectious Music
VÖ: 
19.09.2014
Herkunft: 
Leeds, England