All Diese Gewalt - Welt in Klammern

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

Er ist ein musikalischer Nimmersatt, die Ideen müssen nur so aus ihm heraussprudeln. Max Rieger, auch bekannt von der Band Die Nerven, hat innerhalb der letzten drei Jahre 160 Songs geschrieben. Zehn davon landeten nun auf seinem zweiten Album "Welt In Klammern" seines Solo-Projekts All Diese Gewalt. Nachdem 2014 sein erstes Solo-Werk "Kein Punkt Wird Mehr Fixiert" erschien, sollte der Nachfolger eine Herbstplatte werden. Deswegen beschlossen Max Rieger und Staatsakt-Chef Maurice Summen im September 2015, mit der Veröffentlichung von "Welt In Klammern" noch ein Jahr zu warten – und das hat sich gelohnt.

Schroffe Klänge, wie bei Die Nerven, findet man auch auf diesem Album wieder, aber die harten Kanten bleiben weg. Stattdessen entstehen in weich-fließenden Bewegungen verschiedenste musikalische Sphären und Klanggeflechte. Gitarren und Schlagzeug mischen sich mit Geräuschen und allem voran stehen die Drones. Die vibrierenden und mit sich selbst rückkoppelnden Sounds bilden in jedem Song den Ausgangspunkt. Das hat nicht selten etwas Filmmusikalisches. Themen werden wiederholt, weiterentwickelt und verfremdet. So entwickeln auch im Opener "Wie es geht" die derben Bass- und Gitarrenläufe eine Eigenständigkeit und verbinden sich mühelos mit Riegers fordernd-melancholischem Gesang über die Überforderung gegenüber der Befindlichkeitsfrage. In "Maria In Blau" versteht das Multitalent, trotz des ein oder anderen The-XX-Moments, seinen eigenen Drone-Pop zu spinnen. Nahtlos leitet das Klingeln von kleinen Kuhglocken in den nachfolgenden Song "Jeder Traum eine Falle" über. Meditativer Gesang verbreitet eine spirituelle Ruhe, bevor mit jeder einzelnen Tonspur All Diese Gewalt wieder zu dem dramatisch-bedrückenden Klang zurückkehrt.

Das Spielen mit den Tonspuren hat Max Rieger für sich perfektioniert, immerhin soll jedes Stück des Albums "Welt In Klammern" aus über 200 Einzelspuren bestehen. Bei dem fünften Song (ohne Titel), kann man diesem Spiel besonders gut lauschen. Fließend geht eine Spur in die andere über, es ist ein unmerkliches Rein- und Rausschleichen. So folgt man Schritt für Schritt dem Aufbrausen und Sich-wieder-beruhigen der Klangbilder. All Diese Gewalt weiß es die Rhythmen zu verschieben und zugleich weite und dichte Spannungsbögen zu ziehen, bei denen man sich fragt, welche musikalische Idee als nächstes kommt.
Das Instrumentalstück "Klang" und der sich anschließende Song "Morgen alles neu" brechen aus dem düsteren Grundtenor des Albums aus, sie tragen etwas Hoffnungsvolles in sich. Die Hoffnung, dass der endlose Wandel, die ständige Veränderung gut sind, dass "morgen alles anders [ist], morgen alles neu [ist]."
Mit "Welt In Klammern" hat All Diese Gewalt ein Stück avantgardistische Popmusik geschaffen. Die Mischung aus Drones, weiten Melodien und Field Recordings erzeugen spannenden Klanggeflechte und wirken zuweilen meditativ. Man darf gespannt auf die verbliebenen 150 Songs von Max Rieger sein.


Label: 
Staatsakt
VÖ: 
23.09.2016
Herkunft: 
Stuttgart