Algiers - The Underside Of Power

Rezensiert von Leonie Wiethaup

Vor zwei Jahren haben sich Algiers mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum der Welt vorgestellt und damit direkt einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Musikalisch eine tolle Mischung aus Post-Punk, Gospel und Industrial, deren Wirkung zwar durchaus ihre Zeit braucht, zu guter Letzt aber schlicht beeindruckend ist. Mindestens genauso wichtig sind bei Algiers aber gleichermaßen der lyrische Kontext sowie die politischen Beweggründe. Die Herren gehören dabei nicht zur Sparte der Weltverbesserer – sie wollen vielmehr die Bequemen stören und die Gestörten ermutigen. Zu ihren Idolen gehört dabei die Crème de la Crème der Visionäre: Blixa Bargeld, Rosa Luxemburg, Malcolm X und Marx. Ihre Texte strotzen von Forderungen für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit. Schüchtern sind Algiers bei Weitem nicht, sie sind wütend und machen aus ihrer Meinung zu Rassismus, Polizeigewalt, Machtmissbrauch und Kapitalismus keinen Hehl. Bis heute hat sich daran nichts verändert – sie sind nur noch versierter geworden.

Ihr Zweitling "The Underside Of Power" klingt durchdachter und abgeschlossener als sein Vorgänger. Algiers probieren herum, experimentieren und testen ihre Grenzen aus – wenn es die denn überhaupt gibt. Die mittlerweile auf ein Quartett herangewachsene Band klingt vielseitiger denn je: R'n'B, Punk, Gospel, Industrial, Post-Punk, Soul – wenn man wollte, könnte man für die Herren jede dieser Genre-Zuordnungen ausreichend begründen, letztlich lassen sie sich dennoch in keine der Schubladen stecken. Zumindest was die Musik betrifft, sind Definitionen und seitenlange Interpretationen hier ohnehin fehl am Platz. Zu den Inhalten könnten dagegen Bücher gefüllt werden – geschichtlich und politisch relevante Ereignisse erhalten hier ihren Soundtrack.

Begonnen wird mit kratzigen Verzerrungen, Geschrei und vornehmlich düsterem Industrial mit starken Drum-Rhythmen. "Walk Like A Panther" geht mit seinem Bezug zur Black Panther-Bewegung gleich in die Vollen, kompromisslos, spannend und weit entfernt von jeglicher Massentauglichkeit. Perfekt auf etwas Bestimmtes zugeschnitten ist trotzdem das Wenigste, umso mehr wird in ein nahezu zeitloses Gewand gekleidet. Kryptisch werden die Texte deswegen zum Glück nicht. Vielmehr versteht sich die Band als Übermittler von Wahrheiten – sie zeigt ohne rosaroter Brille auf der Nase, wie Machtinhaber in diesen Zeiten ihre Privilegien ausnutzen, wie wenig und kurz manche Menschen über Relevantes nachdenken und was die Welt selbst im modernen 21. Jahrhundert für ein dunkler Ort sein kann. Mit Pessimismus hat das freilich wenig zu tun, mit erschreckendem Realismus umso mehr. Immerhin konnten Algiers in ihrer Heimat Atlanta schon Zeugen einiger dieser Dinge werden.

Ganz anders kann das Vierergespann dennoch, der Beweis: "Mme Rieux". Hat man sich nach fünf Tracks bereits an den dunklen Grundsound und an die einhergehende Gänsehaut gewohnt, warten die Herren plötzlich mit einer beinahe herzzerreißenden Ballade auf. Sanfte Klaviermelodien bestimmen auf einmal die Musik, zwar abgerundet durch dezenten Industrial, doch eben ganz anders als alles bisher Gehörte. Ins Albumbild passt es trotzdem – sticht nur sogar noch stärker hervor als der ungewohnt fröhlich klingende Titeltrack. "Death March" könnte dagegen auch eine Vertonung einer Nacht in einer südamerikanischen Hauptstadt sein. Dunkel, geheimnisvoll, angsteinflößend, doch gleichermaßen aufregend. Man kann beim Hören förmlich spüren, wie die Hitze auf der Haut prickelt und das Adrenalin durchs Blut fließt. Die Gefahr scheint hier hinter jeder Ecke zu lauern, sicher fühlt man sich nie – will man aber auch gar nicht, denn dafür ist das Ganze viel zu spannend.

War "Algiers" vor zwei Jahren ein beeindruckendes Debüt einer bis dato eher unbekannten Band, hat sich die Truppe mit "The Underside Of Power" nun selbst übertroffen. Dunkel, düster und kratzig im Grundsound, bei näherem und wiederholtem Hören allerdings mit den verschiedensten Details versehen. Abwechslung und Vielseitigkeit sind die Steckenpferde des Werkes und der Grund, warum sich eine starke Band innerhalb kurzer Zeit auf ein noch stärkeres Niveau gebracht hat.


Label: 
Matador Records
VÖ: 
23.06.17
Herkunft: 
Atlanta, USA