Alabama Shakes – Sound & Color

Rezensiert von Manon Hütter

Athens, Alabama 2009. Eine bebrillte Frau in Omas feinster Prilblumen-Bluse, die dezent den Eindruck vermittelt, sie sei Empfangsdame bei einer Versicherungsbehörde und ein bassspielender Typ im coolen Bandtshirt treffen aufeinander. Sie jammen. Brittany Howard und Zac Cockrell starten die Coverband “The Shakes” und widmen sich Songs von Nirvana, James Brown und AC/DC. Leider fehlt ein Drummer. Steve Johnson ist eher Metalhead wird aber trotzdem rekrutiert. Heath Fogg wird als Gitarrist mit an Bord geholt. Die Cover weichen eigenen Songs, dafür wird der Bandname um Alabama erweitert – aus Verwechslungsgefahr, denn anscheinend finden auch andere Bands “The Shakes” sei ein guter Name. Die Alabama Shakes sind geboren.

6 Jahre später folgt nun mit “Sound&Color” das gefürchtete zweite Album. Der ewige Schatten, der Bands nachjagt, deren Debüt von der Fachpresse gelobt und auf ein irre hohes Podest gesetzt wurde. Der Zweitling wird dann mit Geifer und erhobenen Hammer in der Hand erwartet, allzeit bereit das Podest wieder einzureißen. Auch den Alabama Shakes ist die Zweitlingsfalle nicht erspart geblieben – allerdings haben sie sie bravourös ausgetrickst. Denn wer erstmal Monstertruck über die Route 66 gefahren ist, holt einen nicht aufeinmal mit einem Smart zum City-Cruisen ab.

Musikalisch haben sich die Shakes definitiv die Treue gehalten. Frontfrau Brittany Howard herrscht wie auch schon auf dem Debüt erhobenen Hauptes über das Reich des Retro-Soul. In Alleinherrschaft versteht sich. Sei es nun der krasse stimmliche heiserkeitsschreiende Einstieg von “Don’t Wanna Fight” oder eine klassische minimalistisch gehaltene Ballade wie “This Feeling”, ihre Stimme kreist wie ein Adler mit majestätischer Anmut über einer mal mehr mal weniger instrumentalisierten Musiklandschaft, stürzt sich hier und da in die Tiefe und lässt sich dann von der Thermik sanft wieder nach oben treiben. Sowieso sind Tempowechsel wieder ein großes Thema. “Give Me All Your Love” fesselt schon im Intro durch gekonnten Spannungsaufbau was die Percussions und Gitarrenriffs angeht, Wellen aus ausgebautem Fistelstimmen-Falsettgesang und Synthies wogen dann immer wieder mal über das Riff und schleifen hier und da seine rauen Kanten.

Generell hält das Quartett nicht viel von Genremauern. Während “Don’t Want To Fight” sehr massenkompatibel poppig daherkommt und teils schon eher an Reggea-Soul erinnert und “Guess” nach Soulpop wie frisch von der Kaderschmiede Popakademie klingt, geht “Shoegaze” sogar soweit und nähert sich dem Britpop an. Sowieso ist die temporeiche Gitarrennummer mit dem leichten Lo-Fi-Ansatz der Überraschungscracker im Süßwarensortiment. Weitere Bonbons finden sich in der Instrumental-Wand “The Greatest”, dem Loop und Backing Vocal Hit “Future People” und dem Americana-anmaßenden “Dunes”. Vor allem auf letzeren wird den für die Shakes stilistisch gezupften Westerngitarren in Form von Gitarrensoli ein riesengroßer Spielplatz geboten. Ein Spielplatz, auf dem auch der Hall mitspielen darf, ohne in die einsame Ecke gedrängt zu werden. In die Ecke gedrängt wird nur der albumtitelgebende Song “Sound&Color” etwas, der mit seinen ruhig wabernden Synthies nicht ganz an variationsfreudigeren Nummern anschließen kann.

Letztendlich haben die Alabama Shakes mit “Sound&Color” ein großartiges Zweitlingswerk abgeliefert und dürfen weiterhin auf ihrem hohen Podest verweilen. Bzw. in ihrem Fall wohl eher vom Fahrersitz des Monstertrucks auf einen herunter starren, mit dem Fuß auf dem Gaspedal allzeit bereit es durchzudrücken und mit Vollgas auf den staubigen Highway gen Sonne zu brettern. Denn genau dahin entführt einen der retrolastige Sound: auf die Straßen der Südstaaten! Alabama here we come!


Label: 
Rough Trade / Beggars Group / Indigo
VÖ: 
17.04.2015
Herkunft: 
Alabama, USA