Ωracles - Bedroom Eyes

Rezensiert von Ann-Kristin Zoike

Es waren einmal fünf Musiker aus Deutschland namens Dennis Jüngel, Joshua Gottmanns, Niklas Wandt, Nils Herzogenrath und Hanitra Wagner. Die trafen sich im Jahr 2013 und gründeten die Band Ωracles – und das mit viel Erfolg. Ihre Debüt-EP "Stanford Torus" wurde nicht nur zwischen Berlin und Köln, den Heimatstädten der Musiker, hoch gelobt: Auch Pete Doherty wurde Fan der Band. Nach nur kurzer Zeit spielten sie auf national und international renommierten Festivals wie dem Dockville, Immergut oder Maifeld Derby, aber auch auf dem Copenhagen Psych Fest, CMJ Music Marathon in New York oder dem SXSW in Austin und überzeugten das Publikum mit ihrem psychedelisch-angehauchten Indie-Pop. Dann wurde es an der Zeit für Ωracles ein Debütalbum zu veröffentlichen, das die hohen Erwartungen nach ihrer erfolgreichen Debüt-EP erfüllen sollte. Also machten sie sich auf und verbrachten drei kalte Wochen auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein, umgeben von Kühen, Pferden und heulenden Winden, ließen die Stadt mal Stadt sein und nahmen ihr Debütalbum "Bedroom Eyes" auf.

Auf ebendiesem klingen Ωracles nun weniger verspielt als noch auf der EP: Die Großstädter sind reifer geworden, aber immer noch experimentell und verträumt. Entschleunigung – darauf liegt der Fokus bei "Bedroom Eyes" und das wird bereits ab dem Opener "Lacerate Slowly" klar und deutlich. Der Song baut sich nach und nach sphärisch auf, wie ein Zeitraffer eines Sonnenaufgangs. Schrittweise weicht der morgendliche Nebel dem Tag und lässt den Gesang nach vorne treten. Gerade noch den letzten Schlaf aus den Augen gerieben, geht es nahtlos in den nächsten Song "Constellations" über. Dieser ist aufgeweckter als noch der Opener und verfolgt eine klare musikalische Linie. Man kann sich beinahe vorstellen, wie Ωracles auf der Wiese neben dem Bauernhof tanzen und sich, wie zu Flowerpower-Zeiten, von der Musik leiten lassen.

Entspannung, kein Stress, Träumen – all diese Begriffe ploppen immer wieder beim Hören von "Bedroom Eyes" auf. Der Song "Chardonnay" weckt den Hörer jedoch durch ein kurzes Kneifen von seinen Tagträumen auf. Der Track ist verspielt, detailverliebt und erinnert an die EP "Stanford Torus". Doch so überraschend wie dieses Kneifen kam, hört der Ausflug in die musikalische Vergangenheit aber auch wieder auf und schneller als man gucken kann, befindet man sich wieder in einem leichten Trancezustand.
Ωracles lassen ihren musikalischen Ideen genügend Zeit, um sich zu entwickeln und sich in all ihren Facetten zu entfalten - so auch in den beiden Abschlussstücken "Amoeba" und "Cries & Whispers". Letzterer überzeugt nicht nur durch den harmonischen Gesang; "Cries & Whispers" steckt voller Energie und Liebe zur Musik, ein kleines musikalisches Abschlussfeuerwerk. So stark, dass vor lauter Kraft das imaginäre Tape zerreißt und zum Schluss nur noch ein Schnarchen übrig bleibt.

Vielleicht doch zu viel Träumerei und Entschleunigung? Auf keinen Fall! Ωracles' Debütalbum "Bedroom Eyes" überzeugt mal mit introvertierteren, minimalistischeren Songs, zeigt dann aber auch wieder die experimentellen Vorlieben der Indie-Pop-Band. Immer mit dabei ist eine große Prise Gelassenheit. Und die sollte man auch fürs Hören mitbringen - ebenso wie Zeit: "Bedroom Eyes" ist ein Album, das man bewusst hören muss, um die musikalischen Entwicklungen zu verfolgen und wertzuschätzen. Eben ein Gegenentwurf zur heutigen Schnelligkeit der Zeit.


Label: 
This Charming Man Records
VÖ: 
27.05.2016
Herkunft: 
Berlin / Köln, Deutschland