IQ - Farben

Wenige Dinge sind für uns im Alltag so präsent wie Farben. Wie sie entstehen, und welche Eindrücke und Emotionen wir mit Farben verbinden, war Thema in der letzten IQ-Ausgabe in diesem Semester.
Manche Menschen sehen Farben, wo andere keine sehen, zum Beispiel beim Musikhören. Diese Menschen nennt man Synästhetiker. Wie Synästhesie entsteht, darüber haben wir ebenfalls gesprochen.

  • Licht ist eine elektromagnetische Welle. Abhängig von seiner Wellenlänge hat das Licht verschiedene Farben. Kürzere Wellenlängen nehmen wir als blau, längere Wellenlängen eher als rot wahr.
  • Sind die Wellenlängen zu kurz oder zu lang, können wir sie nicht mehr sehen. Das nennt man ultraviolett (zu kurz) oder infrarot (zu lang). Ist die Wellenlänge noch kürzer, nennt man das Röntgenstrahlung oder sogar Radioaktive Strahlung. Mit sehr langen Wellen werden zum Beispiel Radiosignale übertragen.
  • Im Auge trifft das Licht auf Sinneszellen, sogenannte Photorezeptoren. Bestimmte Photorezeptoren reagieren nur auf einen bestimmten Bereich von Wellenlängen. Je nachdem, welche Farbrezeptoren aktiv sind, setzt das Gehirn die Signale zu einem bestimmten Farbeindruck zusammen.
  • Für die Farbwahrnehmung gibt es drei verschiedene Rezeptoren, die sogenannten Stäbchen. Wenn es sehr dunkel ist, geraden die Zäpfchen an ihre Grenzen. Dann übernehmen die Stäbchen, die deutlich empfindlicher sind, aber nicht zwischen Farben unterscheiden können.
  • Einige Tierarten können einen größeren Farbbereich wahrnehmen als Menschen. Schlangen können infrarotes Licht sehen, das von Beutetieren als Wärmestrahlung abgegeben wird. Bienen sehen bis in das ultraviolette Spektrum, und können so zwischen verschiedenen Blüten noch besser unterscheiden.
  • Farben wirken auf unser Gehirn und beeinflussen Emotionen und kognitive Eigenschaften. Wie wir unsere Umwelt wahrnehmen hängt eindeutig auch mit Farben zusammen.
  • Umgekehrt hat sich evolutionär auch unser Farbwahrnehmungssystem so entwickelt, dass es auf die Farben in unserer Umwelt angepasst ist.
  • Farben übermitteln uns überlebenswichtige Informationen. Bei Früchten signalisiert ein sattes, dunkles Rot: Ich bin essbar.
  • Wer zum Beispiel durch einen Schlaganfall plötzlich farbenblind wird, bekommt einige Probleme:
  • Farben sind auch bei Therapien wichtig, weil sich zum Beispiel die Lichtfarbe auch auf die Psyche auswirkt. 
  • Bei langem Arbeiten am PC kann eine Tageslichtlampe helfen, Müdigkeit und Lustlosigkeit entgegenzuwirken.
  • In einem aktuellen Forschungsprojekt wird untersucht, wie die Beleuchtung einer Intensivstation so angepasst werden kann, dass sich Patienten wohler fühlen, weniger Schmerzmedikamente benötigen und schneller genesen. Auch Mitarbeiter sollen dadurch motiviert werden und sich seltener krank melden.
  • Die Farbe unserer Kleidung wirkt darauf, wie andere Menschen uns wahrnehmen und auf uns reagieren. Schwarze Kleindung wirkt seriös und lässt den Träger intelligent aussehen. Rote Kleindung wird mit hoher Attraktivität und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein verbunden.

 

  • Mit Farben verbinden wir die verschiedensten Gefühle und Erinnerungen. Marketingstrategen beschäftigen sich damit, wie man das nutzen kann, um Kunden zum Kaufen anzuregen.
  • Zum einen sollen Farben für einen Wiedererkennungswert sorgen. So verbindet zum Beispiel jeder mit der Marke Coca Cola die Farbe Rot. Andererseits transportieren Farben auch ein gewisses Image. So soll die Farbe Blau im Dienstleistungsbereich häufig Seriösität signalisieren.
  • Die Farbe Orange verwenden Supermärkte häufig zum Kennzeichnen von Sonderangeboten.
    Firmen, die ein hochwertiges, teures Produkt vermarkten wollen, verzichten deshalb meistens auf diese Farbe.  Eine Studie der Uni Münster hat 2007 gezeigt, dass Menschen den Geschmack von Schokolade als schlechter beurteilen, wenn diese aus einer orangenen Verpackung kommt.
  • Auf die blaue Farbe von Niveacreme möchten Kunden ungern verzichten. Steht Nivea in einer roten Dose im Regal, wird sie deutlich seltener in den Einkaufswagen gepackt. Kunden verbinden mit der Farbe Rot eher medizinische Produkte wie Brand- oder Wundsalben.
  • Männer fühlen sich am meisten von blau-schwarzen Produkten angesprochen, besonders bei Drogerieprodukten. Die Verpackung wirkt schwer und massiv, was mit Männlichkeit und Dominanz verbunden wird. Der Artikel wirkt luxuriöser. Das Blau signalisiert außerdem Frische, was in Verbindung mit Deodorants ebenfalls als positiv wahrgenommen wird.
  • Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook wählen für ihr Design häufig die Farbe Blau. Hier verbindet man das Blau, dass mit dem Himmel und dem Meer assoziiert wird, mit Freiheit und großer Reichweite.

Farben spielen auch beim Thema Synästhesie eine wichtige Rolle.

Synästhesie ist ein Phänomen, das unsere Wahrnehmung betrifft. Wenn wir Gerüche wahrnehmen, dann wird bei uns ausschließlich der Geruchssinn stimuliert oder wenn wir etwas hören, logischerweise der Hörsinn. Bei Leuten mit Synästhesie tritt zusätzlich zu dem eigentlich stimulierten Sinn noch eine andere Wahrnehmung hinzu, die zu einem Sinn gehört, der objektiv gesehen gar nicht stimuliert wurde. Diese Leute verbinden dann z. B. Wörter mit bestimmten Farben oder Klänge mit bestimmten Gerüchen. Das macht auch der Name des Phänomens deutlich, der kommt aus dem altgriechischen und setzt sich zusammen aus “syn” (‚zusammen‘), und “aisthesis” (‚Empfinden‘).

 Doch wie kommt es dazu, dass bei der Stimulation eines Sinnes ein anderer gleichzeitig auch erregt wird?

 Ganz eindeutig ist das nicht zu sagen. Vor allem lassen sich die Ursachen auch nicht für die ca. 60-70 verschiedenen Formen von Synästhesie, die in der Literatur beschrieben bisher wurden, verallgemeinern. Unter den Formen der Synästhesie lassen sich z. T. sehr seltene und abstruse Phänomene finden. So berichtet der Psychologe Prof. Dr. Gregor Volberg von einem Fall von Synästhesie, bei dem die betroffene Person verschiedene Schwimmstile mit bestimmten Farben verband.

Volberg beschäftigt sich genauer mit der Graphem-Farb-Synästhesie. Dabei werden Schriftzeichen, also Buchstaben oder Zahlen, mit Farben in Verbindung gebracht. Er erklärt, wie es konkret zu dieser Form der Synästhesie kommt:

 “Da gibt‘s die Idee, dass es bei Synästhetikern im Vergleich zu normalen Personen eine stärkere neuronale Verbindung gibt zwischen den Arealen, in denen Grapheme und in denen Farben verarbeitet werden. Die liegen nämlich interessanterweise direkt nebeneinander. Das ist zum einen die Visual-wordform-Area und zum anderen das Visuelle Areal V4, das ist immer aktiv, wenn Farbe verarbeitet wird.”

 Bei Synästhetikern weisen diese beiden Gehirnareale mehr Kreuzverbindungen auf als bei „normalen“ Menschen. Das führt dazu, dass immer, wenn ein Graphem verarbeitet wird, gleichzeitig auch eine Farbe aktiviert wird. Mit der Theorie lässt sich jedoch ausschließlich die Graphem-Farb-Synästhesie erklären und z. B. nicht die Synästhesie zwischen Tönen und Farben oder Geschmack und Farben.

 Ab wann kann man von einer Synästhesie sprechen? Zählt es zum Beispiel schon, wenn einige Wörter Farbassoziationen hervorrufen?

 Natürlich gibt es einige Assoziationen, die in bestimmten Kulturkreisen konventionalisiert, d. h. selbstverständlich sind. Prof. Volberg erklärt dies am Beispiel von Wasserhähnen. Dort verstehe jeder sofort, dass die Farbe rot für warmes und blau für kaltes Wasser steht. Menschen, die eine Graphem-Farb- Synästhesie haben, verbinden dagegen immer ein bestimmtes Schriftzeichen mit einer bestimmten Farbe. Und diese Farbzuordnung ändert sich auch nicht, sie bleibt stets unverändert. Ein Versuch, der das gut verdeutlicht, ist laut Prof. Volberg die „visuelle Suche“:

 “Da versteckt man einen Zielreiz in einer großen Menge von ablenkenden Reizen. Zum Beispiel könnte man den Buchstaben „r“ verstecken unter 50 Buchstaben „p“ oder so. Er ist schwer zu finden für normale Menschen, aber Synästhetiker, die ja zusätzlich das Farbempfinden haben für den Synästhesie-auslösenden Reiz, sind in solchen Aufgaben häufig besser.”

 D. h., dadurch, dass der Buchstabe „r“ vom Synästhetiker mit einer anderen Farbe verbunden wird als der Buchstabe „p“, sticht er direkt zwischen den anderen Buchstaben hervor. Professor Volberg hat in einem Forschungsprojekt u. a. herausgefunden, dass Schriftzeichen bei dieser Form der Synästhesie anders als andere Reize verarbeitet werden:

 “Also was sich tatsächlich bisher gezeigt hat, ist, dass die auslösenden Buchstaben, wahrscheinlich auch in Situationen, in denen sie gar keine Farbe auslösen, weil sie nur kurzzeitig präsentiert werden oder weil sie nicht erkannt werden müssen, dass sie auch in solchen Situationen speziell verarbeitet werden und für Synästhetiker offenbar eine spezielle Reizklasse darstellen, die bevorzugt selektiert wird.”

 Allerdings gibt es auch noch einiges, was im Bereich der Graphem-Farb-Synästhesie noch im Dunkeln liegt: Zum Beispiel stellt sich die Frage, warum Schriftzeichen X jetzt gerade mit Farbe Y in Verbindung gebracht wird und nicht mit Farbe Z. Also warum ist der Buchstabe „p“ für einen Synästhetiker rot und nicht etwa hellblau?

 Viele Betroffene sehen ihre Synästhesie als Vorteil an. Es gibt zum Beispiel Synästhetiker, die sich viel besser Dinge merken können als andere, weil sie Wörter als Farbmuster abspeichern oder andere Strategien anwenden können, die normalen Menschen nicht zur Verfügung stehen. Synästhesie wird deshalb auch nicht als Erkrankung oder Halluzination, sondern als Fähigkeit bezeichnet. Synästhetiker sind außerdem oft hochbegabt oder besonders kreativ. Da das außerdem ein angeborenes Phänomen ist, wissen die Betroffenen auch gar nicht, wie Nicht-Synästhetiker die Welt so wahrnehmen und haben deshalb keinen Vergleichswert.

Auf jeden Fall ein spannendes Thema, deshalb reden wir auch gleich noch weiter darüber. Wir unterhalten uns gleich mit Hanno, der selbst synästhetische Fähigkeiten hat und uns von seinen Erfahrungen damit berichtet. Wenn ihr Interesse an dem Thema habt, schaut einfach nach der Sendung auf unsere Homepage, da werden wir euch nochmal die wichtigsten Fakten zusammenstellen. IQ-Reporterin Theresa Viefhaus hat uns über das Thema Synästhesie informiert.

 

Radio Q-Reporter Hanno Jenkel ist Synästhetiker. Er nimmt Musik immer auch visuell wahr und hat bei bestimmten Klängen, Melodien und Harmonien automatisch Farben und geometrische Formen vor Augen. Wir haben uns mit ihm über diese besondere Art der Sinneswahrnehmung unterhalten.


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