Graveyard - Lights Out
28. Oktober 2012
Unser Album der Woche (KW 44)
Rezensiert von Till Lorenzen.
Erwartungsmanagement. Eine der schwierigsten Sachen, wenn eine Band mit dem letzten Album den Körper in alle Einzelteile zerlegt hat, um dann wieder alles zu einem großen Ganzen, Vollkommeneren zusammenzubauen. Wie soll ein neues Album auch nur ansatzweise das treffen, was auf dem Letzten zu 110 Prozent perfekt gemacht wurde? Die Erwartungshaltung an unsere Lieblingsbands ist oft zu hoch, damit tun wir ihnen Unrecht. Trotzdem möchten wir rumschreien, wenn wir enttäuscht werden. Was also tun? Es nehmen, wie es kommt. Es als eigenständig ansehen und nicht altbacken vergangenen Träumen nachhängen.
Die schwedische Band Graveyard legt nach dem selbstbetitelten Debut und dem letzten Langspieler „Hisingen Blues“ mit „Lights Out“ ihr drittes Album vor. Und so viel sei vorweggenommen: Der Titel trifft den Kern des Albums mit bombastischer Präzision. Graveyard spielen, ja was spielen sie eigentlich? Die Anleihen aus den 70ern sind unverkennbar, straighter Rock’n'Roll mit Aspekten von Led Zeppelin bis Black Sabbath, gepaart mit hartem Stonerklang Marke Kyuss, bluesigen Songstrukturen wie bei Ten Years After und einem Schuss Wahnsinn aus dem Hause Pink Floyd. Aber was nützen die Vergleiche, wenn es zusammen dann doch kein Konglomerat, sondern einen neuen Stil bedeutet. Deswegen sollte und muss man diese Band losgelöst von irgendwelchen Urvätern sehen und sie nur an ihren eigenen Worten messen: „Wir sind eine Band ohne Grenzen. Wenn es rockt, ist es Rock, egal in welchem Stil wir uns gerade bewegen.“
Der Opener „An Industry Of Murder“ gibt die Marschrichtung des Albums vor. Eine Sirene läutet die Explosion ein, die sich langsam den Weg über ein sich steigerndes Intro bahnt, um mit brachialen Gitarren und treibendem Schlagzeug das Ende der Welt einzuläuten: „Wherever you go, death follows, in the shadow of your step“. Graveyard schlagen auf „Lights Out“ einen anderen Ton an, als es noch vorher der Fall war. Während „Hisingen Blues“ sich um den Kampf mit dem Dämon in sich selbst dreht, wird dieser Dämon nun auf die Welt übertragen. Sie geben ihre ungeschönte Meinung über die Gesellschaft unserer Generation zum Besten: Kritik am System, Kritik an falschen Zungen, Kritik an Verrätern und Ehrlosigkeit. Doch wer das als Aufruf der Band sieht, sich anders zu verhalten, irrt sich. Es ist lediglich ihre Sicht der Dinge, sie wollen sie niemandem aufdrücken, vielleicht nur ein bisschen wachrütteln. Dieser Aspekt äußerst sich in den harten Stücken, die weniger auf filigrane Soli setzen oder die psychedelischen Songstrukturen des Vorgängers zu Grunde haben. Die erste Singleauskopplung „Goliath“ dröhnt wie ein Vorschlaghammer und groovt doch ungemein. Verzerrte Bluesgitarre mit Wah Wah – Effekt, ein trümmender und doch reiner Bass, eine Gitarrensoloriff während des Refrains und dazu Joakim Nilssons unvergleichliche Stimme voll Wärme und Aggression: „They are faking our freedom, hoping we believe it’s true.“ Die Songs sind kurz verglichen mit den Vorgängern – gerade mal drei bis vier Minuten – doch reicht das für die Aussage vollkommen aus. „Seven, Seven“ und „Endless Night“ reihen sich nahtlos in diese Reihe ein.
Nur solche Songs wären aber ehrlich gesagt eine wirklich Enttäuschung. Wo bleibt der Beweis, dass sie nicht nur prügeln können, sondern immer noch Virtuosen auf ihren Instrumenten sind und uns durch ein Labyrinth führen können, in das sie uns selbst gesperrt haben? Die eher ruhigen Stücke „Slow Motion Countdown“ und „Hard Time Lovin“ versuchen diesen Anspruch zu erfüllen. Erst nach mehrmaligen Hören wird klar: Es ist alles noch da, nur versteckter, verspielter. Die beiden Songs sind Bruder und Schwester, wie es schon „The Siren“ und „Uncomfortambly Numb“ auf „Hisingen Blues“ waren. Die Hammondorgel tut ihr Übriges: Sie festigt den Stand und steht gleichzeitig für das Zerbrechliche in den Songs, wenn sie leise zitternd den höchsten Ton der Songs anschlägt: „But we’ll make it through, through these hard times.“
Graveyard machen auf „Lights out“ eine Menge anders. Die Songs sind massentauglicher, sie sind tanzbarer. Doch haben sie ihre Wurzeln nicht vergessen, sie erkunden nur einen anderen Teil des Waldes der Rockmusik. Doch was war nochmal mit dem Albumtitel? Der letzte Song „20/20 (Tunnel Version)“, eine balladesque Reflexion des Lebens, der zum Griff nach der Flasche verleitet, gibt Auskunft: „Ain’t no light in my tunnel, but the goldtooth in the devil’s smile“. LIGHTS OUT!
VÖ: 26.10.2012
Label: Nuclear Blast
Herkunft: Schweden
Mitwirkende: Joakim Nilsson (Gitarre, Gesang), Rikard Edlund (Bass), Axel Sjöberg (Schlagzeug), Jonatan Larocca Ramm (Gitarre, Gesang)
Diskographie: Graveyard (2007), Hisingen Blues (2011)
Online: www.facebook.com/graveyardofficial, www.graveyardmusic.com
Anspieltipps:
#1 An Industry of Murder
#2 Slow Motion Countdown
#5 Endless Night
#7 Goliath
#9 20/20 (Tunnel Version)




