Captain Planet - Treibeis
7. Oktober 2012
Unser Album der Woche (KW 41)
Rezensiert von Stefan Zeppenfeld.

Viva allein - Medizin gegen die Beschissenheit des Alltags
An Musik mit deutschsprachigen Texten scheiden sich die Geister. Zu hart, zu kalt, zu unästhetisch, vielleicht auch einfach zu real und pathetisch, diese Texte in der Muttersprache. -An Musik, die auch nur entfernt mit Punk zu tun hat, scheiden sich die Geister. Zu hart, zu kalt, zu unästhetisch, vielleicht auch einfach zu real und pathetisch, diese Attitüde der Anti-Alles-Haltung.
Manchmal aber, wenn diese Ströme zu allem Übel noch aufeinanderstoßen - nein, mit voller Wucht gegeneinander geschleudert werden - kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das plötzlich alles genau so seine Richtigkeit hat. Denn manchmal gibt es doch diese merkwürdigen Ausnahmen, wenn Deutsch und Punk = Kunst ergibt, und Minus und Minus Plus. Beispielsweise dann, wenn Captain Planet ein neues Album rausbringen.
Musikalisch knüpfen die Hamburger Jungs fast nahtlos an die Vorgänger „Inselwissen“ (2009) und „Wasser kommt, Wasser geht“ (2007) an und stürzen sich wieder auf das, was sie sich seit ihrem Debüt auf die Fahne geschrieben haben: Sie zerschlagen die Beschissenheit des Alltags kompromisslos mit einem Vorschlaghammer, um die Trümmer dann scheinbar problemlos in ein kunstvolles Universalpsychopharmakon zu verwandeln.
Mit “Pyro”, dem Albumopener, fängt das Quartett deshalb auch gleich wieder da an, wo es vor immerhin schon drei Jahren mit “Inselwissen” aufgehört hat: “Gehst wieder an die Grenzen / Hier fühlst du dich wohl / Steigst zurück unter diese Decke / Hüllst dich wieder ein” als Leitspruch, der in eine brutal ehrliche Schleife von intonierten Faustschlägen mündet, “Wieder allein / Immer allein / Viva allein!”
Wenn die rotzig-krächzende Stimme von Jan Arne von Twistern dir in „Nest“ vorwirft „Hab dich schon oft gefragt / Ob du noch weißt / Wieso du jeden Morgen / An dieser Haltestelle stehst / Mit meinen Augen“, mag man dazu neigen, sich mit müdem Blick auf seinen MP3-Player zu fragen: „Woher zur Hölle weiß der das?“ Gedanken von jedem für jeden. Deshalb scheint es fast schon ironisch, dass sich die Band selbst den Namen eines Comic-Helden gab, ihre Songs andererseits doch so unheroisch und banal sind wie ihre Themen. Bushaltestellen, Bankautomaten, Ampeln und deren zahlreiche Tücken bleiben wie schon auf den Vorgängeralben beliebte Textelemente: “Drehst dich plötzlich um im Bus / Weil du deinen Namen hörst / Mitten in der Stadt / Jeder Tag ein Sonntag / Jeden Morgen der Verlust / Jede Nacht bricht dir die Beine / Das wird wohl noch ein paar Jahre so weiter gehen” (“Alt mach Neu”). Vielleicht ist es der Spagat zwischen Allerweltsproblemen und leichtem Infantilismus, der den Charme solcher Textzeilen ausmacht und diese Band für Ohren ganz und gar verdrossener Köpfe - womöglich mit Ausnahme der Morrissey-Anspielung (“Everyday is like sunday”) - relativ unattraktiv erscheinen lässt. Denn im Gegensatz zu dem schwermütigen, englischen Original bemühen sich Captain Planet trotz allem Leid, den Optimismus zu wahren und ihre Musik nicht zu einem Synonym für nie endenden Weltschmerz zu machen.
In “Land unter” scheint das Prinzip der Band besonders offensichtlich zum Vorschein zu kommen: Schlagzeuger “Badda” Habenicht lenkt mit technisch anspruchsvollen Tempowechseln die Gitarren durch die Songs, die von melodischen Zupfmustern zu ekstatischem Geschrammel und zurück wechseln, während ein dröhnender Bass vor allem in den Übergängen seine schlichte Genialität ausspielt.
Was zwischendurch zu fehlen scheint, sind diese typischen Songs, die gut drei Minuten unter Hochdruck arbeiten, um alles vorzubereiten für die letzten zwei Zeilen, den Ausbruch, den Höhepunkt des gesamten Werks. Eine Lebensweisheit, in der sich die ganze Spannung des Liedes zu entladen scheint. Vielmehr scheint aber auf „Treibeis“ die Essenz des Textes flächendeckender eingearbeitet zu sein. Schlagworte sind in der Struktur der Stücke verwoben und werden – eine Neuerung – gelegentlich durch Sprechchöre verstärkt.
„Heute klappt nichts!“ brüllt da scheinbar eine ganze Armada von Kapitänen zu Beginn von „Sand in den Augen“ und verführt mit dem großartigen, typischen Captain Planet Sound zum Frusttanz nach einem eben jener Tage, an denen wirklich gar nichts, aber auch gar nichts klappt.
Alles in allem ist “Treibeis” die logische und stilsichere Fortsetzung der Vorgängerplatten und wartet durch gelegentliche Singalong-Sprechchöre gleichzeitig mit dem ein oder anderen Überraschungsmoment auf. Für einen fürchterlichen, hektischen Herbsttag, an dem jeder Idiot im Weg steht, ist auch “Treibeis” der ideale Soundtrack für die 10 Minuten stürmische Ruhe auf dem regnerischen Weg nach Hause, die dich davon abhält, den Glauben an die Welt vollkommen zu verlieren und vielleicht trotz allem ein vages Lächeln ins Gesicht zaubern kann.
Bleibt zu wünschen, dass die Band mit ihrem Drittwerk endlich die gebührende Aufmerksamkeit bekommt. Verdient hat es jede Truppe, die mit einer derartigen Kontinuität Alben dieses Kalibers schreiben kann.
VÖ: 12.10.2012
Label: Zeitstrafe / Cargo Records
Mitwirkende: Jan Arne von Twistern (Gesang/Gitarre),
Benni Sturm (Gitarre)
Marco Heckler (Bass)
Sebastian „Badda“ Habenicht (Schlagzeug)
Herkunft: Hamburg / Hodenhagen
Diskographie:
Wasser kommt, Wasser geht (2007)
Inselwissen (2009)
Online: www.captain-pla.net, www.myspace.com/captainmeincaptain, www.lastfm.de/music/Captain+Planet, twitter.com/cptplanet666, www.facebook.com/captainmeincaptain




