Balthazar – Rats

15. Oktober 2012

Unser Album der Woche (KW 42)

Rezensiert von Heidi Käfer & Svenja Boberg.

Bassisten haben den denkbar einfachsten Job: zählen, zupfen, begleiten und wieder zählen. Vier Saiten spielen. Sie werden belächelt, rigoros und kaltblütig ersetzt. Ein Virtuose am Bass? So etwas hört man im Zusammenhang mit dem tieftönigen Instrument eher selten. Nicht umsonst gibt es unzählige Plattitüden und Witze über den Basser: “Bassisten sind Gitarristen, die nur bis vier zählen können”, “Wie heißen die Typen, die immer mit den Musikern abhängen? Bassisten…“ Höhö.
Neben der Tatsache, dass Bassisten durchaus existenzberechtigte Wesen sind, stellt sich nach all diesen Klischees die Frage, wie man den stereotypen Bassisten noch aufrecht erhalten kann, wenn man nur einmal das belgische Quintett Balthazar gehört hat?

Ohne die Präsenz, den Klang, die Dominanz des Basses ist Balthazar schier undenkbar. Markante Basslines ziehen sich wie ein roter Faden durch die Songs der sich 2004 in Kortrijk gegründeten Band. Und auch auf deren zweiten Album “Rats” kann es kein anderes Instrument so gut mit der coolen, scheinbar lustlosen Attitüde und der gleichzeitigen Tiefe und Feinfühligkeit des Leadsängers Maarteen Devoldere aufnehmen, als die trockene Coolness und Einschlägigkeit des Basses.

Doch mussten Balthazar erstmal klein anfangen: Nachdem sie lange von Talentwettbewerb zu Talentwettbewerb dümpelten, konnte die Band mit der Single “This is a Flirt” 2007 erstmalig Aufmerksamkeit erhaschen. Die Aufnahmen zu ihrem ersten Album “Applause” (wir sparen uns an dieser Stelle viel zitierte Äußerungen über den prolligen Anschein des Albumtitels) dauerten ganze vier Jahre – um dann kurz vor der Veröffentlichung 2010 nochmal komplett umgeschmissen zu werden. Kurz vor der Zielgeraden fanden Balthazar ihren auf sie zugeschnittenen Stil, was gleichzeitig den endgültigen Abschied vom orientierungslosen Elektro-Pop bedeutete. Der lange und beschwerliche Weg, den eigenen Sound zu finden, hat sich ausgezahlt. Man kann es direkt aufgeben, Balthazar mit anderen Bands zu vergleichen. Ihre Musik ist überaus unterschiedlich und facettenreich: Mal handelt es sich um Trip-Hop, mal bekommt man Bigband-Assoziationen, dann geben sie sich wiederum trocken und bluesig.

Auf dem Album “Rats”, das jetzt schon den ersten Platz der belgischen Itunes-Charts erklommen hat, machen die Gitarrenriffs gegenüber dem Vorgänger “Applause” mehr Platz für raumgreifende Violinparts, Glockenspiele, Klavier und Bläser. Über das Album sagen Balthazar selbst: “We’re less restless than before. Our souls have calmed down.” So schleppt sich der vorletzte Song “Any Suggestion” zunächst mühevoll an den Punkt, an dem das einsetzende Klavier den schwerfälligen Track leichtfüßig umspielt, das Glockenspiel die Melodie verkindlicht und zuletzt die Violinen den Song in einen epischen, ergreifenden Schluss hineinführen. Trotz der meist geerdeten Drums tragen Songs wie “Do Not Claim Them Anymore” einen dank der luftigen und spielerischen Synthie-Loops und sphärischem Backgroundgesang in die Schwerelosigkeit. Ähnlich viel Auftrieb gibt der Song “Sinking Ship”. Das klimpernde Glockenspiel versprüht fröhlichen 60’s Charme und Lässigkeit. Gleichzeitig handelt der Song jedoch von Kontrollverlust: “The words come out like rats leaving a sinking ship”. An dieser Stelle kann man auch spekulieren, was es denn mit dem Albumtitel “Rats” auf sich hat. Unreflektierte, dreckige, spontane, von innen heraussprudelnde Gedanken? Im Gegenzug dazu das Cover mit dem unschuldigen Jungen, der sich ganz gesittet und reinlich die Zähne putzt? Wie die Musik lässt sich auch das Gesamtprodukt in kein bestimmtes Deutungsmuster zwängen.

Das wirklich Fesselnde ist der ständige und langsame Spannungsaufbau. Ob und wann ein Feuerwerk ausbricht, ist nie gewiss. Mal wird man von einer so unerwarteten Klimax überwältigt, dass einem die Spucke wegbleibt, mal wird man immer heißer und heißer gemacht und dann doch fallen gelassen. So brodelt und kocht es bei dem Song “Later” wie auch auf dem Rest des Albums vor sich hin, aber stets in kontrollierter Dandy-Manier. Die flimmernden Geigen und Drums à la Joy Division laufen auf einen Höhepunkt zu, der zwar eintritt – aber niemals in der Art und Weise wie zuvor erwartet. Balthazar lassen sich Zeit, einen langsam einzuhüllen und Stück für Stück einzunehmen. Sie sind Künstler der Verführung, bauen Spannung auf, zeigen sich in ihrer ganzen Opulenz und erlangen schließlich die Beherrschung zurück. “Rats” ist das kontrollierte Zünden einer Bombe, die verhalten explodiert, aber gerade durch ihre unterschwellige Kontrolle ihren Nachhall entwickelt.

: 15.10.2012
Label: PlAS
Mitwirkende: Maarten Devoldere (Gesang/Gitarre/Keyboard),
Jinte Deprez (Gesang/Gitarre)
Simon Casier (Bass, Gesang)
Patricia Vanneste (Gesang/Violine/Keyboard)
Christophe Claeys (Schlagzeug)
Herkunft: Kortrijk/Genth, Belgien
Diskographie: Applause (2010)
Online: www.myspace.com/balthazarband, www.balthazarband.be, www.facebook.com/balthazarband
LIVE: Am 7. November im Gleis 22, Münster!