Artificial Brothers – Make Our Hearts Sway
1. Oktober 2012
Unser Album der Woche (KW 40)
Rezensiert von Katharina Lange.

Im Rausch der Gefühle
Um dem Albumdebüt der Artificial Brothers einen Namen zu geben, könnte man es sich gehörig einfach machen: Uhh, der Herbst ist da – wie passend, wieder mal eine Band aus Skandinavien, die ein bisschen wie Interpol und Editors klingt und dabei noch ganz zufällig düsteren, melancholischen Sound produziert.
Doch wieso einfach und oberflächlich, wenn es auch mit Tiefgang geht?! Es steckt viel mehr dahinter! Denn dieses Album schafft es, neben der offensichtlichen skandinavischen Melancholie eine Menge unentdeckter Gefühle hervorzubringen und aufzuzeigen. Ähnlich so, wie ein Muskelkater, der uns Schmerz an genau den Körperstellen bereitet, die wir vorher noch gar nicht kannten. Erste naheliegende Konnotation zum Thema Gefühle ist natürlich die Romantik. Aber falsch gedacht, die Gefühle, die die Dänen auf ihrem Debüt erzeugen, sind eher von verstörender Art und Weise. Der Kern des Albums ist ein regelrechtes Gefühlschaos, ein mulmiges Gefühl, das aber in gewisser Weise Spaß macht. Der Titel des Albums spricht Bände: Make Our Hearts Sway!
Auch das Artwork zieht stimmungstechnisch mit und unterstreicht den melancholisch-düsteren Touch. Inmitten einer Menschenmasse, wo Menschen keinen Kopf haben, sondern einen Schirm aus dem Hals kommt, guckt eine schlangenartige Lampe hervor. Im Booklet setzt sich das Szenario fort. Es steht ein Haus auf einem Berg über dieser schirmtragenden Menschenmasse. Aus zwei Fenstern des Hause strahlen zwei Lichtkegel auf sie. Auf dem nächsten Bild sieht man ein sitzendes menschenähnliches Wesen mit dem Kopf nach unten gebeugt. Es sitzt vor einem Fenster, das Licht ins dunkle Zimmer wirft. Die Stimmung ist beklemmend. “Was ist da passiert?”, fragt man sich. Man versteht es, sobald die ersten Klänge des Albums zu hören sind.
Der Albumopener “Redemption” macht den geheimnisvollen Anfang und lässt “Make Our Hearts Sway” episch wirken. Man hört die hallverstärkte ruhige Stimme von Mathias Bertelsen, ein Klavier und eine Rassel. Nach 48 Sekunden setzt die volle Instrumentierung ein und unterstützt den düsteren Gesang des Frontmanns. Es ist ein hypnotisierender Sog, in den man hineingerät, wenn dieses Album erst einmal den Anfang gemacht hat. Man kann sich nicht davor schützen: “I´m in your protection / And all there is left / is our reflection”, heißt es in “Redemption”. Die Musik durchdringt jedes einzelne Körperteil und schreit geradezu nach einem tiefen Zug von einer Zigarette. Das antreibende Schlagzeug und die Keyboardstellen, die einen immer wieder abheben lassen, machen “Spiders” zu der heimlichen Tanznummer des Albums. “The Children” entschleunigt den Sog mit seinem ruhigen und zugleich mahnenden Ton. Mathias singt “The children will find me / talking to myself / into the night / here we go” und man sorgt sich beinahe ein wenig durch die depressiv anklingenden Worte. Er wird sich doch nichts antun? Nüchtern nimmt der Song seinen Lauf, bis nach knapp drei Minuten eine Wendung eintritt und Mathias für einen kurzen Moment seine Worte in die Nacht herausschreit. In der ersten Single des Albums, “Oh my God”, wird dann klargestellt: “Oh My God / I swear to you / we´re not the ones supposed to die”.
Das Geheimnis, neben der großen Gefühlsduselei auf diesem Album, ist die Tatsache, dass jeder einzelne Song für sich gesehen eine Hymne der Nacht sein könnte. Mal schneller, mal ruhiger, mal expressiver, mal introvertierter. Vor allem die vielen Chöre, wie beispielsweise bei “Parades`End” oder auch bei “Redemption”, lassen die Songs größer und breiter wirken. Sowohl der verstärkte Gesang, als auch die wummernden Keyboards geben sich mit den molllastigen Gitarrenmelodien die Klinke in die Hand und machen die Songs letztlich stadionfähig, auch wenn die Dänen eigentlich in die dunklen und nasskalten Kellerclubs einer jeden Stadt gehören.
“Make Our Hearts Sway” ist eine Symbiose aus Melancholie und Beklemmung. Das Eigenartige: Man fühlt sich nach 10 Songs und 44 Minuten nicht so schlecht, wie man vermuten könnte. Das Herz schlägt zwar doppelt so schnell, dennoch gerät der Körper nicht unangenehm ins Schwitzen. Jochen Distelmeyer hat mal in einem Blumfeld-Song gesungen ” Von der Möglichkeit Nein zu sagen ohne sich umzubringen”. Und genau das trifft diese dahinschwelgende Melancholie auf Albumlänge ziemlich gut. Man kann, ja man sollte gar ein kleinen Hang zur Traurigkeit haben, um dieses Album wirklich zu genießen. Aber umbringen tun wir uns heute noch nicht. Und jetzt Licht aus und Augen zu und durch!
VÖ: 21.09.2012
Label: Fuer Records
Mitwirkende: Mathias Bertelsen, Anders Brogaard, Anders Hvass, Stig Sylvest, Lars Hvelplund
Herkunft: Thisted (Dänemark)
Diskographie: /
Online: artificialbrothers.com, www.facebook.com/artificialbrothers, www.artificialbrothers.bandcamp.com, www.myspace.com/artificialbrothers
Anspieltipps:
#2 Spiders
#4 Psychedelic Friend
#1 Redemption
#10 Blindfold the Sun
#6 Oh my God




