The XX - Coexist

10. September 2012

Unser Album der Woche (KW 37)

Rezensiert von Jan Koch.

In einer Welt, in der Burn-Out, Überforderung und Depressionen das Tagesgeschehen bestimmen; in einer Welt, in der noch nicht mal mehr Zeit ist, um an der Ampel auf grün zu warten, wirkt ihre Musik heilend, ja regenerierend.

Augen zu, tief einatmen, jeden Ton mitnehmen. Sich in ihr neues Album „Coexist“ fallen lassen. Es wirkt melancholisch, gar apathisch. Wie die drei Schulfreunde aus dem Londoner Westen elektronisch, minimalistisch Töne zu Melodien werden lassen, genau das ist es, was The XX können. Genau deshalb der Hype. Sphärische Klangwelten. Dazu Romys und Olivers Stimme. Sie treiben das Lied voran und beruhigen den Hörer. Natürlich, man kann ihre Musik monoton, sogar langweilig finden. Aber sie ist für den Moment gemacht, in dem Zeit ewig wird. Unter der Dusche zum Mitsingen und Wachwerden; im Auto, auf dem Weg zur Arbeit; zum Feiern? Zu all diesen Situationen empfiehlt sich andere Musik. „Coexist“, wie auch schon ihr Debütalbum „xx“ von 2009, benötigt Zeit. Nur der bewusste Hörer wird von den Dreien in ihre XX-Welt mitkommen, kann so dem Alltag entfliehen und das Album in seiner Gänze genießen. Nur dann sind ihre detaillierten Klangwelten Gold wert.

Da ist der elegante Gitarrenlauf in „Chained“, der einen aus den tiefen Bässen hinaufholt. Minimal und genau eingesetzt kreieren die Drei ein Klangpanorama und benötigen meist nur zwei, drei Instrumente. Oder auch „Reunion“, das einen in eine exotische Welt entführt. Instrumente, die man selten hört. Hier ist ganz deutlich der Einfluss von Jamies Solo-Projekt als Jamie XX zu hören. Bereits in seinem Song „Far Nearer“ experimentierte er mit Steel Pans, die nun eben auch in „Reunion“ ihren Platz finden. Generell prägt Jamie dieses Album und beeinflusst die XX-Welt mehr als er es vorher getan hat. Er überträgt viele seiner Ideen als DJ in die Songs des Bandalbums.

Als ein weiteres Highlight gilt: „Missing“. Ein treibender Bass als Herzschlag. Es wird das Ende einer Beziehung besungen. In wenigen Zeilen stellen Romy und Oliver die Fragen, die sich alle fragen, wenn eine Trennung bevorsteht. „Tell me, how did this come to be?”; „Do you still believe / in you and me?“. Der Zustand, ja die mögliche Erklärung wird direkt zu Beginn beschrieben: “My heart is beating in a different way.“ Und dann die Feststellung, dass sich die Beziehung am Ende befindet. „There’s no hope for you and me“. Und Cut. Eine bedrückende, verzweifelte Pause.

Reifer sind The XX geworden. Sie singen über Liebesbeziehungen. Über Freundschaft. Dass Menschen sich kennenlernen, lieben lernen und dann wieder verlieren. Eigentlich besingen sie nur den Lauf der Dinge, könnte man jetzt sagen. Ja. Aber gekonnt. Eben über Koexistenzen. Nicht umsonst heißt ihr Album „Coexist“. Vor allem das Zusammenspiel der Stimmen von Romy und Oliver bringen dies herüber. Wie sie gemeinsam oder im Dialog singen und somit die Beziehung wiederspiegeln.

The XX –junge Musiker, denen es wahrlich nur um die Musik geht. Sie gingen gemeinsam zur Schule. Gitarristin Romy Croft, Bassist Oliver Sim, Jamie Smith an der Drum Machine und Baria Qureshi als Keyboarderin und Gitarristin. In dieser Besetzung starteten sie. Baria trennte sich nach dem Megaerfolg 2009 von der Band. Niemand weiß genau warum. Seitdem haben sie mehr zu sich finden müssen, sagen sie. Früher hat oft Romy allein Texte und Musik geschrieben. Die Kommunikation lief viel über Mailverkehr. Doch nach ihrem unglaublichen Erfolg ihres ersten Longplayers, haben sich die Drei mehr Zeit für sich und dann auch für die Band genommen. Wie schon gesagt, hatte Jamie seinen gehörigen Teil zu diesem Werk beigetragen. Ihre Musik spiegelt ihre gemeinsame Emotionswelt nun besser wieder, sagen sie.

„Coexist“ scheint beim ersten Hören an die alte Platte anzuknüpfen. Doch beim genauen Lauschen wird einem klar: der Fortschritt liegt im Detail. Und genau diese Detailverliebtheit ist das, was die Musikwelt von The XX lernen kann. Sich Zeit nehmen, durchatmen und nicht immer direkt drauf losrennen. Musik, die daher genau in unsere Welt passt. Eine Welt, die voller roter Ampeln sein sollte.

: 07.09.2012
Label: Young Turks/Xl Recordings/Beggars (Indigo)
Herkunft: Großbritannien
Online: thexx.info
Anspieltipps:
#01 Angels
#02 Chained
#05 Reunion
#07 Missing
#11 Our Song