Kid Kopphausen - I

17. September 2012

Unser Album der Woche (KW 38)

Rezensiert von Svenja Boberg.

Kaum etwas versetzt die Musikwelt mehr in Aufregung als die Ankündigung einer neuen Supergroup. Bei der Ankündigung, dass Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch, die beiden herzigen Geschichtenerzählern der deutschen Singer/Songwriter Szene, jetzt gemeinsame Sache machen, denkt man sich allerdings eher: Klar, passt wie Arsch auf Eimer! Schließlich kennen sich Koppruch und Knyphausen seit Jahren, hängen im Proberaum rum, haben bereits zusammen auf der Bühne gestanden und auch mit der Splitsingle „Die Aussicht/Knochen und Fleisch“ bewiesen, wie gut sie harmonieren. Es beschleicht einen direkt das romantische Bild zweier Cowboys, die sich durch den wilden Alltag schlagen. Der Prototyp eines Filmduos; zwei Charaktere, die sich aneinander reiben, aber gemeinsam unbesiegbar sind. Und dennoch steht die große Frage im Raum: Klingt das nun mehr nach Koppruch oder nach Knyphausen?

Im Opener schlagen Kid Kopphausen allen Spekulationen um ihre Identität ein Schnippchen, indem sie die große Frage gleich selber stellen: „Wer bin ich?“ Schnell wird deutlich, dass Kid Kopphausen ganz schön viel auf einmal ist. Neben den beiden Protagonisten Koppruch/Knyphausen sind noch Schlagzeuger Alexander Jezdinsky, Bassist Felix Weigt und Gitarrist Marcus Schneider Teil der Band – ja, der Band. Kein Projekt, keine Kollaboration, kein loser Zusammenschluss zweier Solokünstler. Dabei spinnen sie das Bild des ungehobelten Cowboys, des charmanten Halunken unaufhörlich weiter: „Ich lege Wert auf gutes Benehmen/ Ich trag ein Messer zwischen meinen schiefen Zähnen“ Diese Ambivalenz von Bissig- und Verbindlichkeit zieht sich zusammen mit scheppernden Westerngitarren durch die gesamte Platte.

So zeigt „Schritt für Schritt“ den kritischen Punkt einer Beziehung, an dem man weiß, dass alles auf einen Nullpunkt zuläuft. Nachdenklich, schonungslos, aber ohne Verbitterung – eingerahmt in ein verträumtes Gitarrenriff und süßliche Mundharmonika-Klänge. Koppruch und Knyphausen haben hier, wie auch bei ihren Soloplatten, ein Abo auf die einsamen, ruhigen Abende, an denen man über das Leben in all seinen Facetten sinniert. Über die Liebe und den Krieg, wie in „Im Westen nichts Neues“. Der Song erzählt die Geschichte eines Fatalisten, der bereits auf jeder Seite gekämpft hat, nur um festzustellen, dass es alles nichts bringt. Hier steht Koppruch gesanglich im Vordergrund, wird aber dezent von Knyphausen begleitet. Diese Konstellation ist – mit immer wechselnden Rollen – die typische für die Platte: Ein Zwiegesang, ohne ein richtiges Duett zu sein.

Und dann gibt es auch wieder diese Songs, die zeigen, wie nah Schönheit und Melancholie beieinander liegen. Die „Mörderballade“ besingt einen „herrlichen Sommer mit ihr“ und strotzt dabei nur so vor schlechtem Gewissen, da „er“ „ihr“ das Herz gebrochen hat. Doch das wohl schönste Liebeslied der Platte ist „Das leichteste der Welt“ – vielleicht, weil es sich erst spät als solches entpuppt. Zunächst geht es in dem Stück darum, sich nach einer Durststrecke wieder aufzurappeln. Zu einer Akustikgitarre gesellt sich ein verzerrtes E-Gitarren-Riff und Gisbert zu Knyphausen singt sich in Rage, hadert mit Gott und den Menschen. Doch es gibt die tröstende Gewissheit, dass es am Ende immer heißt: „Never Mind The Darkness, Baby/ You Will Be Saved By Rock’n’Roll“. Und wieder hat Musik die Welt gerettet.

Wer sind Kid Kopphausen nun? Auf jeden Fall mehr als zwei Freunde, die zusammen Musik machen und bei denen jeder dies und das einbringt. “I” ist von der hintersten Banjo-Melodie bis zum Plattencover ein durchdachtes Gemeinschaftswerk. Besonders spiegelt sich das in den Texten wider: Koppruch und Knyphausen schreiben sich auch auf „I“ den Unmut von der Seele, sind dabei aber weniger grundsätzlich. In jedem Song findet man ein Augenzwinkern, fast so als wollten die beiden diesmal nicht alles bis zum Letzten ausdiskutieren. Oder wie Kid Kopphausen sagen würden: „Ich sag hallo, hurra. Hier bin ich.“

: 24.08.2012
Label: Trocadero / Indigo
Mitwirkende: Alexander Jezdinsky (Schlagzeug, Percussion, Glockenspiel), Felix Weigt (Bass, Klavier, Orgel), Marcus Schneider (Gitarren, Bassmundharmonika, Autoharp), Gisbert zu Knyphausen (Gesang, Gitarre, Klavier, Mundharmonika), Nils Koppruch (Gesang, Gitarren, Banjo)
Herkunft: Hamburg
Diskographie: /
Online: kidkopphausen.de, www.facebook.com/Kid-Kopphausen
Anspieltipps:
#1 Hier bin ich
#3 Das leichteste der Welt
#4 Im Westen nichts Neues
#6 Meine Schwester
#11 Mörderballade