Animal Collective - Centipede Hz
5. September 2012
Unser Album der Woche (KW 36)
Rezensiert von Frieda Berg.

Freiheit und Überfluss sind Assoziationen mit den Vereinigten Staaten von Amerika, das Land, in dem du vom Tellerwäscher zur Millionärin aufsteigen kannst. Diese Träumerei macht die magnetischen Wirkung Nordamerikas aus, holt Leute hinein, und schließlich resultiert eine multikulturelle/ multiethnische Vielfalt, der melting pot. Obwohl dieser Realität ist, bleibt aus europäischer Sicht doch das Klischee des fetten, weißen Amerikaners im Kopf verhaftet. Eigentlich unzeitgemäß. Erstmal eine refreshing Coke aufmachen.
Animal Collective klingen eigentlich auch unzeitgemäß. Das liegt aber eher daran, dass derzeit nichts anderes so klingt wie Animal Collective - mit ihrem spezifischen Sturrsinn, einfach noch ein paar Layers mehr in den Track zu knallen, um das Maximum des gerade Ausdifferenzierbaren auszuloten. Freiheit und Überfluss? Aber ja, aber gern.
Die Stücke auf “Centipede Hz” beginnen mit wild verwurschtelten Samples, kuriosen Sound-Schnipseln (”alien-sounding radio signals”), die collagenartig an- und übereinander liegen und eher den Eindruck eines künstlerisch ambitionierten Hörspiels erwecken, das mit erhobenem Zeigefinger vor Militär und Materialismus warnt. Doch erwachsen hieraus etwa ein Dutzend typische Tracks von Animal Collective: tempolastig, synthetisch, aufs Heftigste verloopt, mit verzerrtem durch den Vocoder gejagten Gesang von Avey Tare. Insgesamt klingt das wie ein rasanter Ritt von Woodstock über 80er Krautrock bis hin zur 90er Grunge-Ära. Aufgenommen wurde das Album in El Paso, Texas im Sonic Ranch Studio, sattel die Pferde.
In Animal Collective versammelt sich seit jeher das Destillat amerikanischer Pop-Kultur, Anfänge der Pop-Art in den 1950ern und 60ern inbegriffen. Alles ist bunt, ist Kunst, ist bis in die Haaresspitzen durchdacht (man sehe sich nur mal die Visualisierung des Albums auf der Bandhomepage an). Nur ist das Vorgängeralbum “Merriweather Post Pavilion” (2009) noch um einiges übertroffen worden! Zogen sich die Tracks dort noch manches Mal in knallpinken aber durchgekauten bubble gum- Fäden breit, so sind sie auf “Centipede Hz” viel kompakter und auf den Punkt gebracht. Fast schon eine Anbiederung an der Mainstream, aber sicher ist auch dieser produktionstechnische Kniff bloß ironisierendes Stilmittel, um die amerikanischen Gepflogenheiten auf die Schippe zu nehmen.
Die Zeit, die seit “Merriweather Post Pavilion” ins Land gezogen ist, wurde unter anderem für eine Kunstinstallation im New Yorker Guggenheim genutzt - auch dort mit spannenden Visuals-, Bandmitglied Noah Lennox brachte als Panda Bear eigenes Zeug heraus (”Tomboy”, 2011) und Joshua Caleb Dibb aka Deakin kam auch wieder hinzu, nachdem er ausgesetzt hatte. Animal Collective bleiben trotz steigender Bekanntheit auch mit Album Nummer neun sperrig, kratzig, avantgarde, unbequem und etwas nervtötend, so wie politische Kunst sein sollte und wie sie im Land der begrenzten Unmöglichkeiten immerhin auch sein kann. Sind die Herren aus Baltimore schon mit Ai Weiwei bekannt?
VÖ: 31.08.2012
Label: Domino
Herkunft: Baltimore, Maryland
Mitglieder: Avey Tare (David Portner), Panda Bear (Noah Lennox), Deakin (Josh Dibb), Geologist (Brian Weitz)
Online: www.facebook.com/pages/Animal-Collective




