Yeasayer – Fragrant World

27. August 2012

Rezensiert von Jan Koch.

Sobald man auf Play drückt und seine Anlage auf volle Pulle gedreht hat, bebt das Zimmer. Bass-Dominanz. Dann, nach kurzer Zeit, erklingt Chris Keatings helle Männerstimme. Treibend, elektronisch, wie ein plätschernder Fluss, in den man langsam und behutsam eintaucht. Und dann der Refrain: mit einem treibenden Beat und einer surrenden Melodie. Mehr als ein musikalischer Purzelbaum. Eine 180 Grad Drehung. Und trotzdem passt’s – komisch, denkt man sich als Hörer, doch „Fingers Never Bleed“ zieht einen sofort in den Bann. Indie-Pop, der kein Indie-Pop ist. R’n’B, der kein R’n’B ist. Und auch Electronica, die keine Electronica zu sein scheint. Genauso kommt das neue Album „Fragrant World“ von Yeasayer daher. Eine interessante Mischung, befremdlich und doch nichts Neues. Kritiker würden es benebelten Ethno-Pop nennen, Enthusiasten herausragende Experimentalmusik. Doch das, was zählt, ist, dass ein Zuhörer mit Rhythmusgefühl mit dem Kopf mitwippen muss, ob er will oder nicht.

Es ist ihr drittes Studioalbum, das die Band Yeasayer auf den Markt bringt. Nach ihrem erfolgreichen zweiten Album „Odd Blood“ und ihrem Debütwerk „All Hour Cymbals“, das noch bei Cargo Records mitvertrieben wurde, fordern sie nun mit einer duftenden Klangwelt ihre Fans heraus. Das Trio aus Brooklyn klingt ähnlich wie damals, wirkt alles in allem aber elektronischer – und das nicht nur, weil die Gitarren fehlen. Ihre Songs sind vollgepackt von Tönen, Synthesen, irgendwelchen Samples, Bässen und der nötigen Prise Pop. So ist ihre Single „Henrietta“ auch ein solches vollgepacktes Werk und wird vor allem durch seine wiederholende Orgelspur zum Radio-Hit, ja vielleicht sogar Ohrwurm. Zumindest braucht man relativ lang, um die Orgeltöne wieder aus seinem Kopf zu bekommen.
Und auch „No Bones“ kommt als Effekt-lastiger Elektrosong. Synthesen, dann Bass, klatschende Rythmen, Tonsprünge, mal links, dann rechts. Für den, der den neusten Dolby digitalen Technikkram zu Hause stehen hat ein Klangfeuerwerk.

Es ist eben genauso, wie der Name des Albums es schon verrät: Chris Keating, Anond Wilder und Ira Wolf-Tuton haben alle Düfte der Welt eingesammelt, näher betrachtet und kombiniert und somit seit Gründung ihrer Band vor sechs Jahren eine poppig-elektronische Variante von Weltmusik geschaffen, die zwar etwas chaotisch daherkommen mag, aber im Ganzen doch nur stimmig sein kann. Zu durchdacht, zu perfekt erscheinen die Kombinationen aller Töne und Klänge, die sie zu ihrer eigenen Duftmarke auf Platte gebracht haben. Und doch: Perfektion zahlt sich aus. Zumindest im Falle der Yeasayer.

: 17.08.2012
Label: Mute/Goodtogo
Herkunft: Großbritannien
Online: www.yeasayer.net
Anspieltipps:
01. Fingers Never Bleed
04. Henrietta
06. No Bones
08. Demon Road