Themenwoche: 10 Jahre Bachelor - Herzlichen Glückwunsch?!
27. August 2012
Seit 10 Jahren werden die europäischen Hochschulsysteme vereinheitlicht. In Deutschland sind nun fast 90 % der Studienabschlüsse Teil des Bachelor/Master-Systems. Zeit für einen Rückblick und eine kleine Bilanz: In unserer RadioQ-Themenwoche beleuchten wir Anfänge und Folgen, Ziele und Versäumnisse der Bachelor-Einführung.
- Der Bologna-Prozess - Rückblick und Bestandsaufnahme (Lisa Brose)
- Das Bachelor/Master System vs. Diplom - Ein Vergleich (Florian Enkrott)
- Bachelor & Bologna - Ein Ausblick (Lisa Brose)
- Medizinstudium - Bachelor/Master oder Staatsexamen? (Dominik Bruns & Caterina Reinker)
Als sich 1999 Europas Bildungsminister im norditalienischen Bologna zusammenfanden, ging es darum, einen europäischen Hochschul- und Bildungsraum zu schaffen. In diesem Hochschulraum sollte es europaweit geltende Abschlüsse und Studienstrukturen geben - Europäer sollten überall in Europa problemlos studieren können. Vor zehn Jahren begann die Umsetzung der Reformen: Der Bachelor erblickte das Licht der Welt.
Dass der angestrebte europäische Hochschulraum Realität geworden ist, bezweifelt nach diesen zehn Jahren kaum jemand. Meinungsverschiedenheiten kommen aber spätestens dann auf, wenn es um die Frage geht, ob alle Ziele erreicht wurden, die man im Jahr 2002 angepeilt hatte. Kritiker der Reformen verweisen immer wieder darauf, dass sich die Bildungsbedingungen in Europa nicht mehr am Menschen orientieren, sondern an allzu abstrakten Arbeitsmärkten. Der Bachelor gilt als “wirtschaftsfreundlicher” Studienabschluss: gemeint ist damit die wirtschaftliche Verwertbarkeit und Praxisnähe, für die er immer wieder gerühmt wird. Der Geist der “Wettbewerbsfähigkeit” durchdringt die Reformen der letzten zehn Jahre: Wettbewerb des Humankapitals untereinander, unter einzelnen Ländern und Kontinenten. Die Ressourcen: Wissen und Technologie. Europas Unis setzen in Folge dessen auf Ausbildung statt auf Bildung.
Aber gehört das zu den Zielen, die in Bologna formuliert wurden? Nach “Wettbewerbsfähigkeit” sucht man dort vergeblich, wirtschaftliche Aspekte spielen eine untergeordnete Rolle.
Heute ist kaum bekannt, dass es neben dem Bologna-Prozess noch einen zweiten Reformprozess gibt, der das Projekt des Euro-Hochschulraums entscheidend beeinflusst. Er wurde nicht, wie seinerzeit der Bologna-Prozess, von Bildungspolitikern intiiert, sondern von der Wirtschaftspolitik: Im Jahr 2000, etwa ein Jahr nach Beschluss des Bologna-Vorhabens, trafen sich Europas Staats- und Regierungschefs im portugiesischen Lissabon, um eine Strategie zu entwickeln, die Europa, “zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraum der Welt” machen sollte. Sie ist seither als Lissabon-Strategie bekannt. Hier tauchen bisweilen bekannte Stichworte wie “Wissensgesellschaft” und Phrasen der Kategorie “Innovation als Motor wirtschaftlichen Wachstums in Europa” wieder auf.
Im Gegensatz zum Bologna-Prozess, der nie Sache der Europäischen Union selbst war, sind die Ziele und Mittel der Lissabon-Strategie längst in entsprechende EU-Richtlinien eingeflossen. Die EU nimmt nun bereits mehr Kompetenzen im europäischen Bildungsbereich wahr, als ihr eigentlich zustehen. Bildung wird nach wie vor von den einzelnen EU-Ländern selbst behandelt, nicht gesamteuropäisch. Diese “Europäische Bildungsunion” ist ein Ergebnis der Lissabon-Strategie, nicht des Bologna-Prozesses.
Vor diesem Hintergrund ist die Kritik, die sich auf den Bologna-Prozess zu beziehen glaubt, oft eine Kritik an der Lissabon-Strategie. Im Gegensatz zum Bologna-Prozess, der ursprünglich nicht durch durch ökonomische Motive bestimmt war, dient die Lissabon-Strategie primär dazu, Europas Humankapital zu verbessern. Dieses Bemühen hat z. B. dazu geführt, dass das Hochschulsystem mehr und mehr durch das Wettbewerbsprinzip geprägt wird.
Die Entwicklungen decken sich mit dem Einfluss wettbewerbs-orientierter Think Tanks auf die deutsche Bildungspolitik, vornehmlich durch die Bertelsmann-Stiftung, die die gleichen Ziele wie die Lissabon-Strategie verfolgt.
Am Beispiel Deutschland zeigt sich damit, dass es neben dem allseits kritisierten Bologna-Prozess also parallel einwirkende Bemühungen gibt, die einen “eigenen” europäischen Bildungsraum schaffen wollen, nämlich einen privatisierten, wettbewerbsfähigen, nach rein ökonomischen Kriterien konzipierten.
Bleibt die Frage: Was ist nun die Hauptstadt dieses so entstandenen Bildungsraums? Bologna – oder Lissabon?
Lucas Kreling





