Radio Q - Themenwoche: Schlossplatz vs. Hindenburgplatz

24. August 2012

Ist denn schon wieder Wahlkampf? Plakate, Kundgebungen, Straßenstände: Grund dafür ist die Debatte um die mögliche Rückbenennung des Schlossplatzes in Hindenburgplatz. Am 16. September sollen Münsters Bürger entscheiden, ob der Schlossplatz auch in Zukunft Schlossplatz heißt. In unserer RadioQ-Themenwoche (von Montag bis Freitag) wollen wir euch die wichtigsten und interessantesten Aspekte der Debatte durch Podcasts und Artikel näherbringen. An jedem Tag ein neuer Gesichtspunkt.

Den Anfang macht am heutigen Montag eine Gegenüberstellung der Positionen in der Debatte:

168 Jahre lang war es relativ ruhig um den “Platz vorm Schloss”: In den Jahren zwischen 1759 und 1927 hieß Europas wohl umstrittenste innerstädtische Schotter- und Parkfläche nämlich schlicht “Neuplatz”. Diskussionsbedarf herrscht seit 1927, jenem Jahr, in dem die Stadt Münster den Platz nach Paul von Hindenburg benannte, seinerzeit gefeierter Weltkriegsgeneral (”Held von Tannenberg”), Vasall des gestürzten Kaisers und Demokrat wider Willen in der wackligen Weimarer Republik.

i-want-to-believe

Originalbild: Bundesarchiv

Hindenburgs Rolle in der Geschichte der ersten deutschen Republik – wie auch überhaupt in der Geschichte Deutschlands – wird bis heute negativ bewertet. Für die meisten Historiker war Hindenburg einer der Steigbügelhalter für Hitlers Machtübernahme. Damals, 1933, hielt Hindenburg das Amt des Reichspräsidenten inne – das höchste und einflussreichste Amt im politischen System der Weimarer Republik. Unter dem Einfluss deutschnationaler und rechtskonservativer Kräfte ernannte Hindenburg im Januar 1933 Adolf Hitler, Chef der NSDAP, zum Reichskanzler. Bis heute behaupten Hindenburgs Verteidiger, der damals 85-jährige Hindenburg sei zu diesem Zeitpunkt bereits so senil gewesen, dass man ihn für diesen fatalen Akt nicht verantwortlich machen könne. Fakt ist: Er war die letzte Instanz, die Hitler von der Macht trennte, und er gewährte ihm diese Macht.
Schon kurz nachdem Hitler seinen Weltkrieg verloren hatte, bemühten sich die alliierten Besatzer darum, alle Straßen- und Platznamen, die in Deutschland an die Nazi-Zeit erinnerten, ändern zu lassen. Entsprechende Verordnungen gab es auch für Münster. Und obwohl Hindenburg selbst kein aktiver Bestandteil des Dritten Reichs war (er starb 1934), zählte man auch ihn zu den personae non gratae. Die von der Stadt Münster 1947 zusammenberufene Task Force zur Stadtbildbereinigung beschloss zwar die Rückbenennung des Hindenburgplatzes in Neuplatz, verschlief aber die Umsetzung ihres Beschlusses. Das fiel nicht weiter auf, sodass die Münsteraner seitdem viel Zeit hatten, um sich an den Hindenburgplatz zu gewöhnen.
Dann kam der 21. März 2012 und machte Einiges fraglich: In geheimer Abstimmung beschloss Münsters Stadtrat, den Hindenburgplatz in Schlossplatz umzubenennen. In den Jahren und Jahrzehnten davor war eine Umbenennung immer wieder Thema im Stadtrat, wurde aber jedes Mal abgelehnt - zuletzt im Jahr 1998. 2008 beantragte die SPD erneut eine Umbenennung, die in den folgenden Jahren auch von Oberbürgermeister Lewe (CDU) unterstützt wurde, was in seiner eigenen Partei nicht nur heftig kritisiert wurde, sondern auch zu Parteiaustritten führte. Anfang 2012 veröffentlichte die Stadt Münster eine repräsentative Umfrage, bei der sich etwa die Hälfte der 2000 per Post befragten Bürger gegen den Namen “Hindenburgplatz” aussprachen. Seit 2008 führen Umfragen einer Forschungsgruppe des Münsteraner Instituts für Soziologie allerdings zu anderen Ergebnissen: Per Telefonbefragung unter Münsters Bürgern wurde regelmäßig eine Tendenz zur Beibehaltung des Namens “Hindenburgplatz” ausgemacht. In der letzten Befragung von Anfang 2012 galten noch 40 % der Stimmen pro Hindenburg. Ihnen standen etwa 30 % Contra-Stimmen gegenüber.

Foto: Nadine Funk

Foto: Nadine Funk

Der Ratsbeschluss vom März war gleichzeitig Startschuss für die Initiative “Pro Hindenburgplatz”, die eine Rückbenennung des Schlossplatzes in Hindenburgplatz fordert und sich dabei auf den fehlenden Rückhalt des Ratsbeschlusses in in der Bürgerschaft beruft. Zur gleichen Zeit gründete sich die Initiative “Schlossplatz!” als entsprechende Reaktion auf die Bewegung. Seitdem kämpfen diese beide Lager um den Platznamen – auf Münsters Straßen und im Netz.
Den ersten Teilerfolg nach der Mobilisierung konnten die Hindenburgplatz-Befürworter für sich verbuchen: Durch Unterschriftenaktionen setzten sie ein Bürgerbegehren im Stadtrat durch. Infolgedessen wird am 16. September ein groß angelegter Bürgerentscheid den künftigen Namen des Schlossplatzes bestimmen.
Seitdem fühlt man sich in Münster an Wahlkampfzeiten erinnert: Die beiden Initiativen kämpfen mit Plakat-Aktionen, Straßenständen in Einkaufszonen und besonders vehement in sozialen Netzwerken um die Stimmen der Münsteraner. Die mögliche Rückbenennung des Platzes stellt mittlerweile ein Politikum dar, wie Münster es seit einiger Zeit nicht erlebt hat. Nicht nur regional stößt die anstehende Entscheidung auf Interesse.
Eins scheint sicher: Auch nach der Entscheidung vom 16. September wird es wohl nicht nochmal 168 Jahre ruhig bleiben um den “Platz vorm Schloss” - wie ihn jetzt jeder nennt, der in der Debatte wohlwollende Distanz wahren will.

Lucas Kreling