Dispatch – Circles Around The Sun

12. August 2012

Unser Album der Woche (KW 33)

Rezensiert von Till Lorenzen.

Jeder kennt sie aus der Kindheit: Die bunte Tüte. Am Kiosk oder im Schwimmbad wurde das Ersparte für tolle Tüten voll mit Süßigkeiten ausgegeben. Doch gab es bei diesen bunten Tüten immer zwei Fraktionen von Käufern. Zum einen diejenigen, die sich ganz bewusst ihre Lieblinge aus Lakritz, Weingummi und Bonbons zusammengestellt haben und zum anderen diejenigen, die zur fertigen Tüte griffen. So richtig konnte man nicht wissen, was drin sein wird und ob wirklich alles den eigenen Geschmack trifft. Doch waren diese Tüten immer ein bisschen spannender. Was einem selbst nicht geschmeckt hat, konnte man ja den Freunden abgeben. Eine solche bunte Tüte ist die Band Dispatch – und ihr neues Album „Circles around the sun“ steckt voller Überraschungen.

Nach zwölf Jahren haben sich Brad Corrigan, Chad Urmstom und Pete Francis wieder ins Studio gewagt und zusammen ein Album aufgenommen. Seit ihrer letzten gemeinsamen Platte „Who are we living for“ aus dem Jahr 2000 haben sich die Drei anderen Projekten gewidmet, sich aber nie aus den Augen verloren und mehrfach für ein paar Gigs wieder zusammengefunden. Im letzten Jahr haben sie sich für eine Tour endgültig wiedervereint, jetzt liefern sie zehn brandneue Tracks, die gar nicht so leicht einzuordnen sind. Auch bei ihren früheren Alben fiel die Zuordnung zu einem konkreten Genre schwer: Ist das Folk oder doch eher klassischer Indie? Sind das Rocker oder eher Funker? Wo kommen die Reggaeelemente her und wie passt der Ska da rein? Allen Genrefragen zum Trotz gab es aber immer durch die Bank weg eine einheitliche Meinung: Die Drei sind verdammt gut!

Auch das neue Album stellt den Genrefanatiker vor ein großes Problem, es lässt sich einfach nicht eindeutig in eine Schublade pressen. Aber diese Vielseitigkeit macht es gerade so unglaublich spannend. Im gleichnamigen Albumopener „Circles around the sun“ reißt der Sechzehntel-Gitarrenriff sofort mit. Da steckt Energie und gute Laune drin. Sobald Bass und Schlagzeug einsetzen hält es mich nicht mehr auf dem Sitz und ich kann schon beim ersten Mal hören die Beine nicht mehr stillhalten. Nach gut zwei Minuten kommt es zu einem Schnitt, eine Sekunde Pause und auf ein Neues. Der Song beginnt wieder von vorn und die Mundharmonika setzt ein und liefert ein fetziges Solo ab. Es ist eine einfache, aber unglaublich stimmige Indiefolknummer, die jeden Clubbesucher zum Tanzen bringt. Das bockt total und macht Laune auf mehr solcher Up-Tempo-Nummern.

Doch Dispatch sind eben eine bunte Tüte, bei der der nächste Griff einem nicht unbedingt schmecken muss. Anstatt weiter Vollgas zu geben, wird es düster. Der zweite Track „Not messin“ ist ein Stück Garagenrock und wird zeitweise richtig dreckig. Vor allem das Schlagzeug sorgt für Rotz und knallt – im Indie fast undenkbar – auch mal ‘ne Doublebass rein. Gleich in diesem Song greifen Dispatch auf ihren großen stimmlichen Pool zurück, es gibt keinen klassischen Frontmann, alle singen und das auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise. Je nach Stimmung, heiter beschwingt, düster und mystisch oder rockig auf den Punkt, wird einfach der Sänger gewechselt.

Nach dem nächsten kurzen Folk-Intermezzo in „Get Ready Boy“, das – an dieser Stelle muss ich doch mal kurz mit einem Vergleich kommen – stark an Mumford and Sons erinnert, nehmen uns Dispatch auf die nächste Reise mit. „Sign of the Times“ ist deutlich ruhiger, aber ohne den nötigen Drive zu verlieren. Bass und Schlagzeug drücken mit Vierteln den Song voran, die Gitarre verliert sich hin und wieder in heulenden, getragenen Minisoli. Dann Ruhe. Ein Akkord, tiefer Gesang: Come right down and take you what you fear / love that you fear / Come right down to take you away. Doch auch wenn es zunächst vielleicht etwas sehr melancholisch klingt, auch in diesem Song ist ein gewisser Spaß zu hören. Und wenn man Dispatch unbedingt einordnen muss, geht es wohl nur über diesen Weg: Spaß an der Musik, ist doch egal welches Genre.

Die musikalische Reise trägt uns noch weiter und Dispatch werden auch noch Geschichtenerzähler. „Come to me“ ist der direkte Weg in eine Traumwelt. Tiefer Bass, kein Gesang, sondern eine sanfte, erzählende Stimme die einen einlullt: Come to me, come to me, for you need it. In dem Moment als der Song einen vollkommen einnimmt, packen sie das Brett aus. Nichts mit totaler Ruhe und Frieden. Fuß auf den Zerrer, Wha-Wha an und ein bisschen E-Gitarre reinstampfen. Dieser Kontrast funktioniert exzellent, da die restliche Instrumentierung einfach genauso ruhig bleibt und neben der Gitarre nur die Stimme etwas anhebt und die Botschaft in die Nacht verkündet: I don’t wanna come down. Dispatch sind eine Menge, aber bestimmt nicht angepasst, und in ihrer Nähe wird man kein Stempelkissen finden.

Dispatch’s Album „Circles around the sun“ ist definitiv gelungen. Die vielen kleinen Spielereien und Phrasierungen, Untermalungen und Kontrastierungen durch die verschiedensten Instrumente, wie Orgel, Banjo oder auch den ein oder anderen Synthieklang machen das Album zu einem kleinen musikalischen Ohrenschmaus. Es fällt schwer, schwache Passagen im Album auszumachen. Wenn schon, dann dass die letzten beiden Tracks „We hold a gun“ und „Feels so good“ beide recht ruhig ausfallen und zum Abschluss des Albums ein richtiger Kracher, ein schneller Rausschmeißer gut getan hätte. Aber Dispatch sind eben wie eine bunte Tüte. Es kann einem nicht alles schmecken und selbst wenn es doch so ist, gibt es immer die eine Leckerei, die man noch ein Stückchen lieber mag.

: 21.8.12
Label: Nettwerk Records
Herkunft: Middleburry, Vermont, United States
Mitwirkende: Chad Urmston, Brad Corrigan, Pete Francis
Diskographie: 1996: Silent Steeples
1998: Bang Bang
1999: Four-Day Trials
2000: Who Are We Living For?
Anspieltipps: #1 Circles round the sun
#2 Not messin
#3 Sign of the times
#7 Come to me
#8 Never or now
Online: www.facebook.com/dispatch, www.dispatchmusic.com