Schlossplatz vs. Hindenburgplatz: Diskussionskultur und Partizipation 2.0
21. August 2012
… Oder: Warum mehr in der Schlossplatzdebatte steckt, als vermutet wird
Der Wunsch nach Partizipation könnte dieser Tage nicht größer sein. Doch nicht Teilnahme an Podiumsdiskussionen oder Wahlen erfreut sich immer größerer Resonanz, nein: gemeint ist die Online-Partizipation. Der Klick ist schnell gemacht, die Petition in Sekundenschnelle unterzeichnet. Auch die aktuelle Debatte um die Umbenennung des Schlossplatzes zeigt, wie groß der Bedarf an dieser Form politischer Teilhabe ist. Viele hegen den Wunsch, sich in die hitzige Debatten einzubinden und darin Teil einer politischen Gemeinschaft zu sein. Dafür aber das Haus verlassen und zu einer Wahlkampfveranstaltung oder Podiumsdiskussion gehen? Nein, lieber nicht. Trotzdem an den wichtigen Debatten und Diskussionen teilnehmen? Ja bitte, unbedingt. Dieser Widerspruch eröffnet im virtuellen Raum ungeahnte Möglichkeiten. Die Bequemlichkeit, den heimischen Sessel nicht verlassen zu müssen, bietet der Auseinandersetzung im virtuellen Zuhause beste Voraussetzungen.
Die Ursachen für die explosionsartige Expansion und den enormen Zulauf sozialer Plattformen wie Facebook liegen viel tiefer als es sich erst einmal vermuten lässt. Das zeigt deutlich die große Debatte auf den Facebook-Seiten der Bürgeriniative “Pro Hindenburgplatz” und “Schlossplatz!”. Offenkundig auch die Menge an Diskussionsstoff, die sich auf beiden Seiten ergibt. Doch von Wahlkampf im herkömmlichen Sinne ist weniger zu sehen als normalerweise. Dabei sind es nicht zwangsläufig die Bemühungen der jeweiligen Bewegungen, den “Straßenwahlkampf” anzugehen. Viel mehr ist es die sich wechselnde Mentalität der beteiligten Akteure und Interessierten. Die zeichnen sich oft durch eine rege Beteiligung in den unterschiedlichsten Debatten für und Gegen die Umbenennung aus. Schnell ist der Kommentar gepostet. Damit ist das Bedürfnis, sich einzubringen, im ersten Schritt erfüllt. Sofern gewünscht, ist es möglich, sich unter einem Pseudonym zu beteiligen, ohne rechtliche oder persönliche Konsequenzen zu fürchten. Das Netz macht es möglich.
Der Wunsch, etwas in Bewegung zu setzten und der vermeintlichen Handlungsohnmacht entgegen zu wirken, ist groß. Sind es genug Personen, die sich einbringen, ist der Druck ein legitimes und probates Mittel, sein Anliegen durchzusetzen. Ein Beispiel dafür ist das ACTA-Abkommen. Erst auf Druck der Onlinegemeinschaft lehnte die Bundesregierung eine Unterzeichnung ab.
Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung gibt auch Professor Armin Scholl vom Institut für Kommunikationswissenschaften der WWU Münster.
Das Netz, so wie wir es erleben und kennen, begünstigt also die Veränderung der gemeinschaftlichen und persönlichen Mentalität im Hinblick auf Beteiligung. Spontanität, Anonymität und der damit existierende Schutzraum ermöglichen einen leichten Einstieg in Debatten wie der um den Schlossplatz - oder eine Dimension größer: den Syrienkonflikt. Es stellt sich die Frage, ob der virtuelle Raum nicht dazu einlädt, zu unzähligen Auseinandersetzungen Stellung zu nehmen und damit die Quantität der Qualität vorzuziehen. Besteht damit auch nicht gleichzeitig der Bedarf, solche Dinge konsequent und kontrolliert zu moderieren? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Der freiheitliche Gedanke gerät dadurch in Gefahr. Möglicherweise bedarf es aber auch zumindest einiger Grundregeln - wie auch in klassischen Konversationen. Darin zeigen sich Konflikte und Gefahren dieser neuen Diskussionskultur ab. Welche das sind, zeigt Professor Scholl.
Die Kommunikationsregeln so wie wir sie kennen, erfahren eine mögliche Missachtung ihrer Gültigkeit. Besteht in diesem Kontext überhaupt noch eine Notwendigkeit, Kommunikationsregeln zu befolgen? Die Notwendigkeit besteht und besitzt eine immerwährende Gültigkeit. Allerdings ist es notwendig, diese anzupassen. Das Regelwerk gerade im Hinblick auf Partizipation und Kommunikation ist nicht mehr zeitgemäß. Es bedarf einer grundlegenden Veränderung. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass nach wie vor bestimmte Regeln eine zeitlose Gültigkeit besitzen. Die Meinungsfreiheit ist dabei die wichtigste Grundlage, um auch online vernünftig debattieren zu können. Zensur von Positionen, Darstellungen oder Meinungsbildern ist kein angemessenes Mittel mehr. Vielmehr kann eine adäquate Reaktion auf problematisch empfundene Äußerungen als Kompetenz verstanden werden. Gelingt es uns, das Netz und seine Möglichkeiten in geeigneter Form zu nutzen, besteht auch gleichzeitig die Möglichkeit, ein enormes Potenzial zu nutzen und ständig weiter zu entwickeln. Dabei ist das Zusammenspiel verschiedener Generationen von unschätzbarem Wert. Neue und alte Werte können miteinander vereinbart werden. Mögliche Chancen dieses Potenzials erkennt auch Scholl:
Das Potenzial solcher Ressourcen lässt erahnen, wohin die Reise der Entwicklung geht. Zumindest ein kleiner Einblick lässt sich erhaschen.
Ein abschließendes Fazit:
Die Frage danach, ob wir das virtuelle Potenzial nutzen sollten, stellt sich heute kaum mehr. Die digitale Gesellschaft gibt sich selbst die Antwort. Die Frage ist vielmehr, ob und wie wir einen Weg finden, der Entwicklung einen geeigneten Rahmen zu schaffen und ein bestmögliches Resulat zu erzielen. Die Verantwortung liegt bei uns.
Florian Enkrott
Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwoche zur möglichen Rückbenennung des Schlossplatzes in Hindenburgplatz




