Die Heiterkeit - Herz aus Gold
21. August 2012

VÖ: 24.08.2012
Label: Nein, Gelassenheit/ Staatsakt.
Online: www.facebook.com/dieheiterkeit
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Hamburger Mutternwirtschaft mal wieder, ein paar Astra später, die Jungs und Mädchen werden visionär. Tagsüber das gutbürgerlich-solide Studium der Jurisprudenz, den Abend dann leben sie Leben, rauchen Zigaretten (viele davon!), wo, wenn nicht an diesem Ort, legendenumrankt? Die Mutter hat schon so einiges ausgeworfen. Der jüngste musikalische Nachwuchs hört nun auf “Die Heiterkeit”, nicht zu verwechseln mit den drei Mädels von der Esso-Tanke, nein, etwas damenhafter als das. Sie tragen Nagellack und güldenen Uhren, sind gekleidet in adrettem existentialistischen Schwarz, das Mittel der Wahl schlechthin, um Zeitlosigkeit in den Zeitgeist zu bringen. Oder zumindest den Chic vergessener Jahrzehnte.
“Form follows function”, einer der Leitsätze aus dem Bauhaus, trifft bei Die Heiterkeit in jeglicher Hinsicht zu. Ganz unornamentiert, schlicht, von spröder Eleganz sind die Stücke des Debutalbums, und man ist sich unsicher, ob man sich in ihnen zu Hause fühlen kann, ob man in diese Räume einziehen, sich hier einrichten möchte. Die Heiterkeit baut Betonmauern auf, führt den Hörer Stufen empor, die wieder hinabweisen, knipst das Licht aus, er ist bloß geleitet von der Stimme Stella Sommers, die meist kalt und berechnend klingt und in ganz klitzekleinen, guten, zu raren Momenten sich selbst verliert. Dabei ist sie keines dieser Alphamädchen, wie auch die Identifikation mit der Kinderbuchfigur “Stella Sommer” aus “Hier kommt Lola” (Isabel Abedi, 2004) zeigt: ein Mädchen, das gemobbt wird, entwickelt sich darin zur heimlichen Sympathieträgerin.
Sympathien werden der Heiterkeit in besagter Mutternwirtschaft nun über die Theke geschoben. Fast schon im Litermaß. So ist es doch bemerkenswert, wie früh Hamburger Szenelinge eine Lanze für das Trio brechen. “Alles so angenehm unambitioniert. Wo heutzutage jede zweite Band mit einem Businessplan von der Popakedemie kommt und ein Riesenfass aufmacht, meist zum Reinkotzen, musiziert Die Heiterkeit, als wäre ihnen alles egal.” schreibt Tino Hanekamp, Besitzer des Uebel & Gefährlich, dem Club, in dem Schlagzeugerin Stefanie Hochmuth ihre Rundstücke im Management verdient. Rolling Stone- Urgestein Joachim Hentschel ist ebenfalls stark euphorisiert: “Wir können unschätzbar froh sein, dass es Die Heiterkeit gibt. Denn die Zeiten – wie erst neulich wieder wer gesagt hat – sind schwer, und mit Pathos, falscher Demut und Sätzen, die mit „wir“ beginnen, kommt man da nicht weit. Nur mit Nonchalance, Contenance, anderen Sachen auf „ance“. Mit Nachdruck und mit leichtem Augenrollen.” Zwar beginnen Sommers angestrengt tief dahingesungenen Texte in der Tat mit keinem “wir”, doch schwingt es dann und wann mit wie ein Versprechen: “Es sieht so aus als hätten wir das gleiche Hauptquartier/ Als wären wir schon lange hier” (Hauptquartier)
Schwer möglich ist es, Die Heiterkeit aufgrund der Tatsache, dass der Musikhörer es mit drei Frauen zutun hat, als Gender- oder Postgender-Mäuse hinzustellen. Demnach sind Vergleiche mit anderen deutschsprachigen Girlgroups auch nicht angebracht - Zeilen wie “Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht/ Ich kann ihn nicht mehr leiden” (Lassie Singers) oder “Hey Mr. Wichtig, du tickst ja wohl nicht richtig” (Tic Tac Toe) würde man niemals von ihnen hören. Vielmehr der zurückgeschraubte Sexappeal, die geschlechtsneutralen Aussagen wie “Komm in meine Arme/ Und ruh’ dich bei mir aus” (Komm in meine Arme) erzeugen die besondere Spannung, sorgen für diese Irrpfade. Musikalisch sind die Stücke simpel gestaltet. Wie Pavement wollen Die Heiterkeit klingen (bei “Solange es euch gut geht” klingt das “Cut your hair”-Riff heraus), nicht etwa wie die frühen Tocotronic - in den 12 Songs auf “Herz aus Gold” steckt von beidem etwas, aber nicht in dem Maße, dass es Aufsehen erregen würde. Überhaupt, ob diese Band außerhalb von ihren lobhudelnden Kritikern aus der eigenen Kneipen-Blase das Aufsehen erregt, das diese lobhudelnden Kritiker initiieren wollen, ob Die Heiterkeit nicht doch erst hätte etwas mehr durch die Lande ziehen und spielen sollen, damit sie einen Hauch mehr Gelassenheit ausstrahlt?
“Ein wenig Heiterkeit frisst dir sicher nicht die Haare vom Kopf” singt Andreas Spechtl in der Prä-Ja, Panik-Gruppe Flashbax, und weiter: “Es ist die Rage, die mich schreiben macht/ Es ist passé, passé, wenn man darüber lacht.” Solange Die Heiterkeit noch bierernst schaut, ist also alles in bester Ordnung.
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Video: Die Heiterkeit - Für den nächstbesten Dandy




