10 Jahre Bachelor - Rückblick und Bestandsaufnahme
27. August 2012
2002 wurde mit Verabschiedung des deutschen Hochschulrahmengesetzes das Bachelor-Master-System in Deutschland eingeführt. Eine Dekade Bachelor - ob ein Grund zum Feiern besteht, wird derzeit kontrovers diskutiert. Am Anfang unserer Themenwoche zum Bachelor-Jubiläum schaut Radio Q zurück auf die wichtigsten Schritte und Ziele der Reform und die damit verbundenen Neuerungen. Der Soziologe Dr. Tobias Brändle, ehemaliger Mitarbeiter der Uni Münster und Hochschulforscher, liefert Fakten und Einschätzungen.
Mit dem Bachelor-Master-System sind die meisten heute vertraut. Woher es aber genau kommt und wie es seinen Anfang nahm, wissen nur die Wenigsten. Auf der Suche nach dem Ursprung der Reformidee muss man einige Jahre zurückblicken. Schon 1998 werden in Paris die Weichen für die Hochschulreform gestellt.
Dr. Tobias Brändle hat an der Uni Münster promoviert und ist aktuell Forschungsprojektkoordinator der Uni Hamburg. Er beschäftigt sich seit Beginn der Reform mit der Thematik und hat bereits diverse Publikationen diesbezüglich veröffentlicht. Brändle sieht die Anfänge der Bologna-Reform in der Sorbonne-Erklärung.
Die Grundlage vom Bologna-Prozess wurde im Endeffekt 1998 gelegt, und zwar mit der sogenannten Sorbonne-Erklärung. Die haben damals die Bildungsminister aus Deutschland, Frankreich, Italien und dem Vereinigten Königreich unterzeichnet und damit eben schon die Grundlage für die weitreichendste Hochschulreform der vergangenen Jahre gelegt.
Ein Jahr später unterschreiben 29 europäische Staaten die sogenannte Bologna-Erklärung. Die Erklärung beinhaltet sechs Ziele. In zweijährigem Abstand werden seit der Unterzeichnung diverse Ministerkonferenzen abgehalten, die an der Umsetzung und Ausarbeitung arbeiten.
Im Endeffekt gab es danach dann verschiedene Nachfolgekonferenzen: ‘99 dann mit der Bologna-Deklaration, mit der dann die sechs grundlegenden Ziele gelegt wurden - nämlich die Einführung von leicht verständlichen und vergleichbaren Abschlüssen, die gestufte Studienstruktur, die Einführung von einem Leistungspunktesystem, der Versuch der Steigerung von Mobilität, die Zusammenarbeit bei der Qualitätssicherung und der Ausbau der europäischen Dimensionen im Hochschulwesen.
Das Primärziel ist die Errichtung eines europäischen Hochschulraums mit uneingeschränkter Mobilität der Studierenden bis 2010. Durch Einführung des Kreditsystem ECTS sollen die Abschlüsse in EU-Ländern besser vergleichbar werden.
In Deutschland löst die Unterzeichung das bestehende Magister-/Diplom-Hochschulsystem ab. Die Idee hinter der Bologna-Reform ist eine verkürzte Studienzeit mit einer gleichzeitigen Anreicherung durch Auslandsaufenthalte. Das Bachelorstudium wird als eine dreijährige Berufsqualifizierung definiert. Der Masterabschluss hingegen dient der Spezialisierung und baut mit einer Regelstudienzeit von zwei Jahren optional auf den Bachelor auf.
Im Jahre 2002 wird schließlich das deutsche Hochschulrahmengesetz verabschiedet, womit die Ziele der Bologna-Erklärung auch eine rechtliche Verankerung finden.
Zehn Jahre ist diese Rechtsetzung nun her. Zeit für eine Bilanz - sind die Ziele erreicht worden?
In den Augen von Dr. Brändle sind die Zielsetzungen unterschiedlich weit vorangeschritten, wie aus seiner Einschätzung des jetzigen Umsetzungsstandes deutlich wird.
Wenn man sich dann zum Beispiel die Einführung der gestuften Studienstruktur anschaut, dann kann man sagen, dass man da relativ weit fortgeschritten ist. Man kann da jetzt von etwa 85 % Bachelor- und Master-Studiengänge ausgehen. Wenn man sich die Prüfungsstatistik anschaut, sieht es noch ein bisschen anders aus. Und man hat natürlich auch gewisse Fächer, die sich quasi nach wie vor gegen die Einführung des Bologna-Prozesses wehren.
Kritisch sieht der Experte die Umsetzung der soziale Komponenten. Grundidee der Hochschulreform war neben der Vereinheitlichung auch ein erleichterter Studienzugang für benachteiligte Gruppen. Hier sieht Dr. Brändle eine Verdrängung der sozialen Thematik innerhalb der Politik.
Im Bologna-Prozess ist mit angedacht und auch angestrebt worden, dass der Hochschulzugang erleichtert werden soll, auch für benachteiligte Gruppen. Das ist ein Ziel, das auf Initiative der Studierenden 2001 mit implementiert wurde. Seitdem würde ich aber sagen, dass das relativ am Rande behandelt wird.
In den Medien wird die Bologna-Reform sehr durchwachsen bilanziert. Annette Schavan lobt die Reform als “europäische Erfolgsgeschichte”. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, sieht die Umsetzung der ursprünglichen Ziele als eher defizitär. Auch Dr. Brändle übt Kritik, besonders bei der Einbindung sozial benachteiligter Gruppen sieht er kaum Fortschritte.
Frau Schavan hat mit ihren Ausführungen natürlich nicht grundsätzlich unrecht. Sie hat damit aber eben genauso wenig völlig recht. Ich denke, dass nicht alle Ziele, die ursprünglich angedacht wurden, erreicht worden sind. Das zeigt sich zum Einen an der sozialen Dimension. Aber genau so wenig, wie Frau Schavan hundertprozentig recht hat, hat Herr Hippler, der der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz ist, recht in seinen Ausführungen, der den Bologna-Prozess fundamental kritisiert hat. Deswegen würde ich sagen, dass sowohl Politik, als auch die Hochschulen selbst da noch das Reformpotenzial und den Spielraum, der da vorhanden ist, nutzen müssen.
Die Bologna-Reform ist seit 10 Jahren in Gang. Abzusehen, in welchem Jahr sie abgeschlossen sein wird, ist bislang nicht möglich. Die Politik wird sich also auch in Zukunft rege mit der Thematik auseinandersetzen müssen.
Die nächste Ministerkonferenz findet übrigens 2015 in Armenien statt.
Lisa Brose
Dieser Artikel ist Teil unserer Themenwoche zum zehnjährigen Jubiläum der Bachelor-/Master-Einführung





