Mittekill – All but bored, weak and old

15. April 2012

Unser Album der Woche (KW 16)

Rezensiert von Frieda Berg.

Mittekill, das ist durchaus mehr als die in der Provinz griffbereit liegende Reduktion auf so ein Berlin-Ding, an dem Hundescheiße klebt und dessen Atem nach Ginger Beer riecht, oder was da derzeit en vogue ist. Mittekill skizziert eine Gesellschaft, in der es nicht für jedes Seelchen einen natürlichen Platz gibt. In der sich Seelchen vielmehr verbünden müssen, um diesen Platz doch für sich einzufordern. “Du hast dein Leben lang danach gesucht, es ist gut” heißt es im Opener Leb wohl, einem Dialog, der schon fast wie ein Zwiegespräch mit sich selbst anmutet, und aus abgetöntem Klavier, leisem Dielenknarzen und sich dazuschaltender Geige warm ein Gefühl von ‘zu Hause’ und Intimität ausstrahlt. Ein Rückverweis auf den Zweitling “You Are Home” aus dem Jahr 2009, von dem sich Friedrich Greiling, kreativer Kopf, verabschiedet und befreit. Zugleich ist Leb wohl ein Nachruf an seinen verstorbenen Vater.

Es gibt individuelle Gründe, weshalb das Glück des zu Hause Seins, des Aufgefangenwerdens für diese oder jene eben in Berlin zu finden ist. Fragt man die Zugezogenen, fällt oft der Begriff der Freiheit. Gauck wird sich an diesem Ort sehr wohl fühlen. Doch: Schlägt sich die Freiheit nur in der omnipräsenten Farbwahl nieder, oder findet man sie auch in den musikalischen Ausflüssen der heiß brodelnden Berlin-Schmiede? Wieviel Willensstärke prägt die Gussform “All but bored, weak and old”?

“Die neue Haut liegt schon bereit” ist eine dieser starken Zeilen aus dem Stück, das den angepassten Menschen – auch in Stilfragen – metaphorisch mit einer Schlange illustriert: “Und wenn dein Leben dir dein Leben nimmt und es sich dreht wie ein Fähnchen im Wind, was bleibt dann übrig außer dem Bild von einer Schlange?” (Schlangen) Dies ist keine neue Frage, es ist das alte Unverständnis eines Künstlers gegenüber Menschen mit Jobs, die sicher sind, safed, und Routine bejahen (”Ich will eure Jobs nicht! Bei euren Jobs kotz’ ich!”, Jobs); gleichzeitig ist es eine Unterstellung – wie immer, wenn man nicht nachfragt. Vielleicht fühlt sich die regulär arbeitende Gesellschaft ja gar nicht, als würde sie sich im Kreise drehen, vielleicht findet der Anzugträger sein Glück in anderen Dingen als ein Künstler, dessen größtes Glück es ist, ein Werk zu produzieren, das seine Lebenszeit überdauern könnte, das “übrig bleibt”. Liegt im Beamtentum, vielmehr im Spießertum nicht die gleiche Freiheit, nämlich die Freiheit, sich für einen geregelten Lebensentwurf zu entscheiden? Laut Beuys sei jeder Mensch ein Künstler, insofern er sein Leben als soziale Plastik aufbaut, immer etwas hinzufügt, Lebenszeit, Erfahrung, Geld oder Schlangenhäute. Freiheit hat auch viel mit Toleranz zutun.

“Hauptsache es gibt Menschen mit Verständnis dafür” singt Greiling im Stück Chinaimbiss Berlin, dem Ort, an dem das Ich versackt, an dem “alles ausgeträumt” erscheint nach dieser “abgefucktesten Nacht”. Das Stück ist ruhig und zahm wie aus der Hand eines empfindsamen Singer/Songwriters, spiegelt musikalisch den Dämmerzustand zwischen Heißhunger und drohendem Tiefschlaf gut wieder. Gefolgt wird der Imbiss von einem Partystück par excellence, dessen Titel zwischen den Buchstaben lesen lässt, was ausgesprochen ziemlich plump wird, Jtzt wrd gfckt. Extrem unlässiger Humor für den nicht betrunkenen Hörer. Im anderen Zustand ist das vielleicht anders, also wird das Ziel neu definiert und die Partymaschine bei den zwei 5-Minuten-Stücken Endconnection und Baby rock auf Ostkreuz-Charme gestellt: Greiling zeigt, was er sonst so als Technoid “Freedarich” auf Krakatau Rec. (Bodi Bill) treibt – nämlich elektronische Musik, die die engstirnige, Elektro-liebende Neukölln-Bohème zum Abschalten benötigt. Oh Leiden des Prekariats! Oh süßes Nachtleben!

Und trotzdem, die ganze Blase birgt Entscheidungsfreiheiten in sich, sollte sie: die Option lautet Abgesang. “Das Leben läuft verkehrt, doch ich hab mir was gemerkt. [...] Wir passen nicht mehr so zusammen, aber komm.” (Ist es auch gebrochen) Ja was denn nun, Hop oder Top, passt ihr zusammen? Egalhaltung oder Toleranz? In einem Interview spricht Greiling davon, dass “All but bored, weak and old” eine “Berechtigung zum Grau” habe. Zwischenstufen zwischen “Ja, bitte” und “nein, danke” also, und ein “nein, danke” zu Marlboros “Don’t be a maybe”. Selberdrehen. In Berlin schlagen die Uhren offensichtlich einen anderen Rhythmus, sofern man eben keinem steifen Job nachgeht, stattdessen frei agiert. Letztendlich kommt es doch nur darauf an: sich in seinen Entscheidungen frei zu fühlen, die soziale Plastik aus eigenen Stücken entstehen zu lassen oder das zumindest zu glauben. So reihen sich auf dem dritten Mittekill-Album zarte, melodiöse Indie-Chansons, kalte Elektronika und die nötigen Prise Punkattitüde adrett und freundlich nebeneinander. Man muss sich nicht festlegen.

Mittekill sind jetzt bei Staatsakt, dem Berliner Label, das Positionen vertritt und gesellschaftliche Diskurse anregen kann. Einige Labelkünstler tun dies mit actionbeladenem Nachdruck (z.B. Die Türen, Bonaparte), andere eher durch stille Momente (z.B. Ja, Panik, Hans Unstern) – Mittekill übt sich auch hier in Graumalerei, in gesunder Schizophrenie und dem Ausspielen verschiedener Gemütslagen. Friedrich Greiling ist gedankenverloren, reflektiert, erzählend, frech und fordernd, Macho, verletzt, vereinsamt, kurz: sehr unprätentiös. Eine begrüßenswerte geistige Grundhaltung, die sich für einen kurzen Moment die Freiheit nimmt, dem Kommerz einen leeren Feigling an die Hauswand zu werfen, die ja doch die eigenen vier Wände umspannt.

: 13.04.2012
Label: Staatsakt
Mitwirkende: Friedrich Greiling
Herkunft: Berlin
Diskographie: You are home (2009), Stringenz des Wahnsinns (2007)
Online: www.mittekill.de, www.facebook.com/mittekill, Interview auf Mitte Schön