AdW: Various Artists - Movements Vol. 4
18. März 2012
Unser Album der Woche (KW 12)
Rezensiert von Stefan Zeppenfeld & Katharina Lange.

Sprachen, Traditionen, Tiere: Nach und nach stirbt irgendwie alles aus. Aber auch Musikgenres geht es nicht besser. Während sich die ganze Welt auf Rock, Indie und Electro konzentriert, kämpft Soul-Musik ums Überleben. Und spätestens mit Amy Winehouse’ Tod scheint dieser Kampf verloren. - Um diesem Trugschluss entgegen zu wirken, gründete Tobias Kirmayer 2003 sein Label “Tramp Records”. Auf dieser Plattform kramt er verschollen geglaubte Vinyl-Singles aus den Plattenregalen, um sie neu aufzulegen. Ein Projekt, das in Deutschland seines Gleichen sucht. Das Ergebnis dieser Arbeit sind einzigartige Compilations, mittlerweile in der vierten Ausgabe. Neben absoluten Klassikern, die für Normalsterbliche auf Plattenbörsen nahezu unerschwinglich sind, kommen dabei auch immer wieder unbekannte Perlen zum Vorschein.
Ein funkiges Schlagzeug, ein groovender Bass, eine schrammelnde Gitarre, ein paar Bläser und eine rauchige Stimme; so das vereinfachte Rezept für “den” Soul-Song. Auch “Movements Vol. 4” ist dabei keine Ausnahme. Und trotzdem: Kein Song klingt wie der andere, nicht ein Künstler ist doppelt vertreten. Die Mischung ist dabei genauso skurril wie homogen: “Movements Vol. 4” klingt wie aus einem Guss.
Durchweg von Song zu Song entstehen für dieses Genre typische Assoziationen: wilde Beats, Bläser, eine tanzende Untergrund-Bewegung und irgendwie auch ein alter abgeranzter Keller - Roter Plüsch inbegriffen. Experten dieses Genres würden sich nun wahrscheinlich mit Fachgesimple à la Rare Grooves, Funky Grooves oder Soul-irgendwas überschlagen, doch was wirklich entscheidend ist: Diese Songs haben alle ihre eigenen Geschichten und erzählen auch zusammen eine Geschichte. Die Geschichte des Souls, von Rassenkonflikten, Gleichberechtigung und Diskriminierung.
Der Sänger der Band “Rudy Tee & the Reno-Bop’s”, Rodolpho González, war beispielsweise ein Pionier des mexikanischen Rock´n´Roll und etablierte auch spanischsprachige Soul-Songs in den USA. Der Song “Shakers and Movers” von Carl Westmoreland hingegen wurde in den frühen 70er Jahren nie im Radio gespielt, weil er zu politisch war. Und heute, leider, weil sich der Großteil der Welt immer noch an Gitarren und populärer Musik festhält. Von der Old Metropolitan Band hat Kirmayer sogar eine Live-Aufnahme von dem Song “Summertime” auftreiben können. Ein Song des längst vergriffenen Albums “Dixie Funk Spirale”, das seinerzeit übrigens in der Kölner Stadthalle mitgeschnitten wurde.
Doch wie hat Tobias Kirmayer das geschafft? Das Rezept heißt: ein Dutzend Telefonanrufe über die ganze Welt verteilt, Internetrecherche bis zum Erbrechen und die Mischung aus Passion und eigenem Wissensdrang. In einem Interview mit funkywalk.de erklärt er, was ihm überhaupt den Anstoß gegeben hat, nach solchen schwer zugänglichen Songs zu suchen, um diese zu selbst neu zu veröffentlichen: ”Ich bin durch meinen Bruder zum Anfang der Neunziger auf diesen Sound gekommen. Zuerst standen die klassischen Aufnahmen wie James Brown, The Meters oder Kool & The Gang. Dann ging es um 1991/ 1992 mit Hilfe und Einfluss der Poets Of Rhythm und dem Radiomoderator Fritz Egner in Richtung Deep Funk. Damals haben mich eine Reihe von Bootleg Compilations dazu gebracht, nach den original Singles zu suchen, und das zu Zeiten, als es noch kein Internet gab. Man kam nur durch Sales Lists an Platten heran oder musste in die USA fahren, um vor Ort danach zu suchen.”
Dieser Sampler bietet nicht nur 16 hochkarätige Songs zum Tanzen, Grooven und Hüften schwingen, sondern auch ein Booklet, das sich sehen lassen kann. Für jeden einzelnen Song gibt es detaillierte Informationen zu den Künstlern, ihren Labels sowie bisher unveröffentlichte Fotos. Das Vinyl erscheint als hochwertige Doppel-LP mit Klappcover.
Sieben Jahre nach dem ersten Sampler steht nun also der vierte Movements-Sampler im Plattenladen. Dieses Mal hat es zwei Jahre Recherche bedurft. Es ist gut, dass es jemanden wie Tobias Kirmayer gibt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Songs vorm Aussterben zu retten.
VÖ: 16.03.2012
Label: Tramp Records (Labelchef: Tobias Kirmayer)
Mitwirkende: Various Artists
Herkunft: Tramp Records sitzt in Fahrenzhausen (Vorort von München)
Diskografie:
various artists - movements 3 (2010)
various artists - movements 2 (2009)
various artists - movements 14 Deep Funk Pearls(2005)
Online: www.tramprecords.com, Interview auf funkywalk




