19.11.2010 Turbostaat (Support: Dramamine) | Sputnikhalle, Münster

22. November 2010

Winter, so ’n Scheiß. Eine Aussage, die man meiner Meinung nach so lautstark wie möglich unterstützen muss. Dasselbe hat sich wohl auch die bunt zusammengewürfelte Menschenmeute gedacht, die am vergangenen Freitag in die Sputnikhalle zu Münster gepilgert ist, um den Schneeverweigerern von Turbostaat und den Münsteraner Lokalhelden von Dramamine beim Abzappeln und Herumträllern zuzusehen. Der erste Eindruck beim Eintreffen an der Halle ist jedoch eher ernüchternd. Mensch, das ist doch viel zu groß, das kann doch gar nichts werden!

Aber schon bei den ersten Akkorden von Dramamine füllt sich die Halle dann doch beachtlich, und an den begehrten Logenplätze Mitte vorne schraubt sich die Temperatur jetzt schon in tropische Bereiche. Trotzdem können die sympathischen Jungs mit ihrem Mix aus noisigem Post-Hardcore fernab von Make-up und Seitenscheiteln und ein, zwei Schäufelchen klassischen Punkrocks und Post-Punks die Menge leider nicht wirklich überzeugen. Schade drum, aber man kennt das Münsteraner Publikum ja: Was der Konzertgänger nicht kennt, dazu tanzt er nicht.

Spätestens beim ersten Song der Flensburger Jungs aber, dem letzten Part des Liedes „Insel“, ist jeder Mann und jede Frau im Saal gefordert. Da ist es dann auch egal, ob man grauenvollerweise ein Turbostaat-Shirt oder ein Beatsteaks-Hemdchen trägt, ob man groß oder klein, Köln- oder Preußen-Fan, dick, dünn, kurz oder lang ist. Sänger Jan Windmeier will Husum mit Hilfe von singfreudigen Kehlen verdammen, verdammt noch mal! Und das klappt dann auch ohne Anlaufschwierigkeiten. Jetzt geht es aber erst richtig los, denn die Menge hat Blut geleckt. So muss der flotte Fünfer sämtliche Asse aus dem Ärmel ziehen und bedient dabei mit „Urlaub auf Fuhferden“ oder „Kussmaul“ die neuen Fans, ohne dabei die alte Garde zu vergessen, die mit „Schwan“ oder dem Quasi-Soundtrack des Abends „Wieso Herbst“ beglückt wird. Und weil man dann die Halle doch fast ausverkauft hat, lässt man sich bei den Turbostaatsangehörigen auch nicht lumpen und spielt gleich zwei Zugaben. Klingt nach übermäßigem Rockstargehabe? Darauf gibt es nur eine Antwort: Husum, verdammt! Denn damit beendet die sympathisch-bodenständige Band passenderweise ihr Set, schließt den Kreis und lässt den Abend in einem Meer aus herumfuchtelnden Armen, Beinen und wund gesungenen Kehlen ausklingen.

Glückwunsch, deutscher Punkrock, du hast endlich wieder ein ansehnliches Gesicht abseits von Saufliedern und Asimentalität gibt und einen würdigen Nachfolger von Größen wie Oma Hans, EA80 oder Dackelblut gefunden. Dem Winter kann man den Stinkefinger zeigen, weil er, wie die Flensburger richtig erkannt haben, ein Arschloch ist. Für Turbostaat gibt es jedoch nur erhobene Daumen und ein seliges Grinsen zum Mitnehmen für den Heimweg. Denn wenn man den Winter schon riechen kann, gibt es endlich wieder Grund zur Anklage – und damit auch Grund für mehr Punkrock, mehr Ehrlichkeit und mehr Turbostaat.

Florian Zandt